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Rezension: Belletristik : Auf der Flucht

  • Aktualisiert am

Léon Werths Kriegsaufzeichnungen · Von Ernst-Peter Wieckenberg

          Kann man Lesern eines Landes, in dem Millionen die Erfahrung von Vertreibung und Besatzung gemacht haben, noch etwas mitteilen, was sie nicht erlebt hätten? Vermutlich nicht. Wohl aber kann man es so erzählen, wie kein anderer es getan hat, und das ist die Leistung dieses Buches.

          Léon Werth (1878 bis 1955), Journalist und Schriftsteller, war hierzulande bisher Lesern bekannt, aber selbst in Frankreich hatte man ihn fast vergessen, obwohl er 1948 mit "Dépositions", einem Bericht über die Jahre unter dem Vichy-Regime, ein bedeutendes Zeitzeugnis veröffentlicht hatte. Der Historiker Lucien Febvre hatte es 1948 "ein wunderbares historisches Dokument" genannt. Die erst vor wenigen Jahren wiederentdeckten und zum ersten Mal 1992 unter dem Titel "33 jours" veröffentlichten Aufzeichnungen bestätigen den Rang dieses Schriftstellers.

          Am 11. Juni 1940 flieht Werth zusammen mit seiner Frau Suzanne vor den deutschen Truppen aus Paris. Die Autofahrt nach Saint-Amour im Département Jura, wo die Werths ein Ferienhaus besitzen, hoffen sie in acht Stunden hinter sich bringen zu können. Daraus werden 33 Tage: Tage, die sie im Stau der Fliehenden verbringen, auf freiem Feld nächtigend oder irgendwo Unterkunft suchend. Sie erleben Gefechte, den Wirrwarr des Rückzugs der Franzosen, das Auftreten der deutschen Besatzungstruppen. Dank der Hilfe eines deutschen Gefreiten, der ihnen das nötige Benzin besorgt, können sie schließlich Saint-Amour erreichen, das in der von den Deutschen nicht besetzten Zone liegt. Hier schreibt Léon Werth seinen Bericht nieder.

          Werth widersteht jeder Versuchung, die Flucht zu mythisieren oder das erlebte Geschehen in größere politische Zusammenhänge zu rücken. "Im übrigen erhebe ich hier nicht den Anspruch zu erklären - ich erzähle." Aber er ist kein Nachfahre des Fabrice del Dongo der "Kartause von Parma", über den die Schlacht buchstäblich hinweggeht und der nichts von dem begreift, was um ihn her geschieht. Werth erzählt mit der Haltung dessen, der weiß, daß es "keine kleinen Ereignisse" gibt, weil auch in der "allerkleinsten Handlung" "ein Mann und sein Volk vollständig enthalten" sind. Man muß, wenn man diesen Zusammenhang aufdecken will, nur genau hinsehen und genau beschreiben. Und das tut er. Wie er zum Beispiel in wenigen Zeilen über die ständige Nacktheit der Deutschen berichtet, eine aggressive und zugleich einfältig-unkultivierte Nacktheit, das sagt mehr über die Haltung und Mentalität der Soldaten als manche Studie. Diese Fähigkeit zur Entdeckung der Zusammenhänge im Kleinen unterscheidet Werths Bücher von vielen selbstgenügsamen Hervorbringungen der Mikrohistorie.

          Wo der Bericht zu einer Chronik der Gefühle wird, erhält er seine wahre Größe. Diese Gefühle, Haß, Ablehnung, Gleichgültigkeit, Dankbarkeit, erscheinen in extremen Formen und in allen Mischungen. Der Gefreite, der für Werth geradezu der Inbegriff des unkultivierten Deutschen ist, schenkt ihm das ersehnte Benzin. Die täglich mit den Deutschen gemachten Erfahrungen zersetzen den Wunsch nach einfachen Haltungen und lösen gemischte Empfindungen aus. Es gibt, das zeigt der Autor, unter den Bedingungen Besatzung keine moralisch integren Gefühle und keine unzweideutigen Handlungen mehr, auch wenn man nicht der Versuchung zur Kollaboration erliegt. Lothar Baier, der sich seit langem darum bemüht, Werth in Deutschland bekannt zu machen, und nun das Nachwort zu "33 Tage" geschrieben hat, hat recht: Dies ist ein wunderbares, ein wunderbar ehrliches Buch.

          Léon Werth: "33 Tage". Ein Bericht. Aus dem Französischen übersetzt von Tobias Scheffel. Mit einem Nachwort von Lothar Baier. Verlag Antje Kunstmann, München 1996. 208 S., geb., 32,- DM.

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