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Rezension: Belletristik : Anzeigen-Oma

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Mit Kontaktanzeigen gegen die Großstadteinsamkeit anzukämpfen wird immer beliebter. Wen verwundert's, wenn dieses Phänomen jetzt auch im Kinderbuch auftaucht. Die zehnjährige Steffi findet nach der Schule nur Essen zum Aufwärmen, eine schweigsame Schildkröte namens Schildkröte und eine sehr leer empfundene Kreuzberger Wohnung vor.

          Mit Kontaktanzeigen gegen die Großstadteinsamkeit anzukämpfen wird immer beliebter. Wen verwundert's, wenn dieses Phänomen jetzt auch im Kinderbuch auftaucht. Die zehnjährige Steffi findet nach der Schule nur Essen zum Aufwärmen, eine schweigsame Schildkröte namens Schildkröte und eine sehr leer empfundene Kreuzberger Wohnung vor. Keine Geschwister, mit denen man sich streiten könnte, die Mutter arbeitet ganztags in einer Meldestelle, von einem Vater ganz zu schweigen. Im Gegensatz zu ihren Schulkameradinnen füllen sich für Steffi die Nachmittage nicht mit Judo- und Kindercomputerkursen.

          So kommt sie auf die Idee, sich per Zeitungsanzeige eine Oma zu suchen. Gesagt, getan. Zum Vorstellungsgespräch erscheint eine ganze Riege: eine ehemalige Zirkusreiterin, eine Hutdame mit amourösen Ambitionen, eine Nachtspaziergängerin, die Pokémonkarten sammelt, und eine Kaffeehaussängerin - nicht direkt eine repräsentative Oma-Auswahl. Liegt es an Berlin oder an dem Anliegen der Großmuttersuche, daß die Damen durchweg schräge Vögel sind? Anja Tuckermann bietet jedenfalls mit ihrer Geschichte eine riesige Wundertüte, in der ein bißchen viel Süßes und auch ein bißchen viel Gelehrtes stecken. Die Leckereien bestehen in den Unternehmungen mit den neugewonnenen Großmüttern, die schon fast Event-Charakter haben, etwa ein mitternächtlicher Friedhofsbesuch inklusive Vampirspiel. Belehrung droht in den Geschichten von früher, die von den Omas allzu brav abgespult werden.

          Gut gelingt der Berliner Autorin dagegen die atmosphärisch dichte Schilderung einer Großstadtkindheit. Porträts der Kinder aus dem Kreuzberger Kiez und die Schilderung ihrer Spiele geraten leicht und ungezwungen; die Dialoge überzeugen durch den authentischen Ton. Besonders ans Herz wächst einem dabei die tatkräftige Nora, die einen Bauwagen als Geheimtreffpunkt okkupiert hat. Als dieser geräumt werden muß und sie ihre Kinderüberlebensmittelreserven vertilgen, gibt Nora trotz massiver Übersättigungserscheinungen nicht auf: ",Wir überlassen nichts dem Feind', sagte Nora, atmete tief durch und trank die Saftflasche leer." Das ist der Kampfgeist einer echten Kreuzbergerin! Sensibel und humorvoll zeigt Anja Tuckermann auch die heutige Zweierfamilie mit all ihren Tücken und Ritualen. Schade, daß sie aber letztlich mehr auf das Oma-Happening und den Generationsauftrag setzt, als ihrer eigenen Protagonistin zu trauen. Im Laufe des Romans läßt sie sie kontaktfreudiger und selbstbewußter werden. Selbst Schildkröte beginnt Steffi nach einem fast verheerenden Unfall ins Herz zu schließen - eigentlich könnten die beiden nun souverän ihre Bahnen durch den Großstadtdschungel ziehen.

          CAROLINE ROEDER.

          Anja Tuckermann: "Suche Oma!". Illustriert von Jacky Gleich. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2001. 128 S., geb., 9,95 . Ab 9 J.

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