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Rezension: Belletristik : Alter Mutter Lied

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Auch die Übersetzungen von Paluch und Habeck muten den Gedichten einen Einheitston zu. Er ist zu prosaisch geraten und dem im Klang so wandlungsfähigen Dichter nicht angemessen. Schon die ersten Verse des ersten Gedichts lassen die lyrische Weltflucht an den einsamen See von Innisfree auf dem holprigen Weg des modernen Prosagedichts stattfinden: "Ich werde aufstehen und losgehen und nach Innisfree gehen / Und werde aus Lehm und Weide dort eine kleine Hütte bauen, / Neun Reihen Bohnen und ein Korb für die Bienen sollen dort stehen, / Und ich lebe allein auf den summenden Auen". Die englische Version beginnt klingend und gerät allmählich aus dem Takt, der sich aber im Laufe des Gedichts durch Assonanzen, Binnen- und Stabreime immer wieder in Erinnerung bringt: "I will arise and go now, and go to Innisfree, / And a small cabin build there, of clay and wattles made: / Nine bean-rows will I have there, a hive for the honey-bee, / And live alone in the bee-loud glade."

Trotz der inszenierten Unregelmäßigkeit des Schritts aber, die bei Yeats die Unsicherheit des poetischen Wachtraums wiedergeben soll, - prosaisch wird der Duktus seiner Gedichte nie! Der Takt schlägt, als Erinnerung an ein vorzeitliches Tanzritual, durch das Chaos der Bilder immer wieder hindurch, ordnet die Reminiszensen aus allen Epochen der kontinentalen und gälischen Kultur zum Gesang. Die Gedichte Yeats' sind Produkte eines Halbschlafs, in dem Ordnung und Unordnung stets miteinander im Kampf liegen, bei dem aber schließlich die Schönheit siegt.

Erstaunlich sind die Freiheiten, die Paluch und Habeck sich in ihrer "literarischen Übersetzung" auch an Stellen nehmen, wo es nicht nötig ist. Ihre Ausgabe ist stolz darauf, auch Beispiele der späten erotischen und blasphemischen Poesien Yeats' aufgenommen zu haben. Erotik interpretiert Yeats, der sich in seinen späteren Jahren der Theosophie zuwandte, großzügig als den Zustand, in dem sich der Körper der anima mundi vermählt. In dem Gedicht "Ein letztes Geständnis" heißt es: "I answer that I gave my soul / And loved in misery, / But had great pleasure with a lad / That I loved bodily". Diese Korrespondenz von Körper und Geist verschwindet in der Übersetzung: "Die Antwort ist, ich gab meine Seele, / Und durch Liebe ließ ich mir Leid zufügen. / Doch mit einem, mit dem ich es nur trieb, / Vergnügte ich mich in vollen Zügen."

Der Genuß "in vollen Zügen" macht Yeats scheinbar zu unserem Zeitgenossen, der er nicht war. Seine Bindung an die mythische, religiöse und literarische Tradition bekräftigt er im Jahre 1937 noch einmal in der (dann nicht gedruckten) Einleitung zu seinen Werken: "Diese Inhalte habe ich von Generationen her empfangen, (sie sind) Teil jener Übereinkunft, die vor meiner Geburt in meinem Namen mit meinen Mitmenschen getroffen wurde. Ich kann mich nicht davon lösen, ohne mich von einem Teil meines eigenen Wesens zu lösen, und sie hat sich manchmal in ungewöhnlichen Erlebnissen bei mir bemerkbar gemacht". Zu diesen Erlebnissen gehört auch die Liebe, in der die großen Vorbilder mitgeliebt werden. Die erotischen Gedichte sind keine Provokationen der Moral, sondern mystische Formeln, die den erregten Körper in eine alteuropäische Bilderwelt einschließen. Aus dem englischen Original spricht ein ironischer Mystiker aus Irland, aus der deutschen Übertragung ein großstädtischer Hans Liederlich.

William Butler Yeats: "Ein Morgen grünes Gras". Gedichte. Zweisprachig. Ausgewählt und aus dem Englischen übertragen von Andrea Paluch und Robert Habeck. Mit einem Nachwort von Peter Hühn. Luchterhand Literaturverlag, München 1998. 165 S., geb., 29,80 DM.

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