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Rezension: Belletristik : Alte Liebe

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Monika Maron wirft sich ein Tierfell um · Von Gustav Seibt

          Der Liebhaber, um den sich die Erinnerungen der Ich-Erzählerin in Monika Marons neuem Roman "Animal triste" drehen, hat "hechtgraue" Augen. Das Hechtgrau der Augen von Franz - so der Name des verlorenen Angebeteten - schimmert aber nicht nur einmal und durch Ausgefallenheit gleichwohl unvergeßlich in dem Roman, sondern es schwimmt alle Augenblicke an die Glaswand dieser Prosa, um dort seinen aparten Fischleib vorzuführen. Immer wieder wird dem Leser mitgeteilt, daß die Augen des attraktiven Franz hechtgrau sind. Doch ist es die Eigentümlichkeit solcher erlesenen Adjektive, daß man sie nicht zu oft benutzen darf, ohne Überdruß zu erwecken, so wie man auch einen Witz demselben Publikum nicht zweimal erzählen sollte: Er wirkt nur beim ersten Mal. Und das Adjektiv "hechtgrau" ist durch den Kunsthistoriker Harald Keller schon so berühmt geworden, daß sich die weitere Verwendung fast verbietet.

          Verstimmend aber ist das wiederkehrende Hechtgrau nicht nur aus solchen allgemeinen Erwägungen, sondern aus zwei romaninternen Gründen. Erstens prätendiert es einen sprachlichen Reichtum, den der stilistisch ganz unauffällige Text nicht einlöst, gleich einem zu auffälligen Straßschmuck auf einem einfarbigen Kostüm. Und zweitens ist seine Funktion banal, so banal wie die ganze Konstruktion des Romans. In Franz begegnet der Ich-Erzählerin "das Andere", nämlich nicht einfach ein Mensch, sondern Natur überhaupt, deren letzter Rest in uns, wie der Roman mitteilt, die Liebe sei. Der Roman, beziehungsweise die Erzählerin, teilt immer alles mit, damit der Leser nicht selbst drauf kommen muß. Das Hechtgrau drängt sich so vor, um die urtümliche Besonderheit des sonst ganz farblosen Franz wenigstens äußerlich zu beglaubigen.

          Es geht also um Liebe, Liebe ganz allgemein als naturhafte, verzehrende, ungesellige und übergeschichtliche Macht. Erzählt wird die letzte Liebe einer alternden Frau um die Fünfzig aus dem Rückblick des ganz hohen Alters um die Neunzig. Allerdings treibt der Roman ein preziöses Spiel mit der Chronologie. Sie ist zwar ziemlich eindeutig, weil die Liebende unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kind war und ihren Franz unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer kennengelernt hat. Doch wird immer wieder mitgeteilt, der Erzählerin sei unklar, vor wieviel Jahren diese bedingungslose Liebe sich abgespielt habe, die ihr so dauerhaft gegenwärtig vor Augen steht. So weit hat sich die Liebende aus Zeit und Geschichte entfernt.

          Es ist deshalb rüde und gemein, wenn man das Datenmaterial gleichwohl kurz zusammenstellt: Franz, ein Ameisenforscher, kommt als westlicher Evaluierer in ein naturgeschichtliches Museum nach Ost-Berlin und lernt dort unter dem Skelett eines Brachiosaurus (aha, Vorgeschichte) seine Geliebte kennen, die in ihm die verpaßte große Jugendliebe erkennt, den einen Menschen, für den sie vor aller Zeit bestimmt war. Einen oder zwei Sommer lang kommt der verheiratete Franz allabendlich ins Bett der Ich-Erzählerin, die naturhaft namenlos bleibt, eine Art Inconnue de la Spree. Ja, und um dieses Bett wachsen, man wagt kaum, es weiterzusagen, fleischfressende Pflanzen! Nun würde mancher Leser vielleicht die Peinlichkeit dieser fleischfressenden Pflanzen am liebsten sofort wieder vergessen, auch wenn sie auf ihre Weise ebenso unverdrängbar ist wie das Hechtgrau der Augen; allein man kann sie nicht übersehen, diese fleischfressenden Pflanzen, weil sie nämlich wie Franzens Augen, ja sogar noch öfter, als Leitmotiv bemüht werden und ihre dumme Bedeutung über das Liebeslager wuchern lassen.

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