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Rezension: Belletristik : Alte Lehrer vergisst man nicht

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          2 Min.

          Als er fünfzehn Jahre alt war, erzählt Tomas Tranströmer, sei er von einer großen Angst befallen worden. "Ich wurde von einem Scheinwerfer eingefangen, der Dunkel ausstrahlte statt Licht." Und nach zwei weiteren Seiten setzt er hinzu: "(Neulich las ich von einigen Teenagern, die jegliche Lebensfreude verloren hatten, weil sie von der Vorstellung besessen waren, Aids habe die Weltherrschaft. Die hätten mich verstanden.)" Wie? Wir anderen könnten ihn demnach nicht verstehen? Offenbar. Und dennoch lässt es Tranströmer dabei bewenden, er unternimmt keinen Versuch, den höllischen Zustand, den er einmal durchlaufen und lebendig in seinem Gedächtnis bewahrt hat, den anderen, die davon keine Kenntnis haben, zu vergegenwärtigen. Das Bändchen "Die Erinnerungen sehen mich an" begnügt sich, um von einer Kindheit und einer Jugend im Schweden der dreißiger und vierziger Jahre zu berichten, mit rund achtzig locker bedruckten Seiten.

          Es ist eine Prosa, deren gelassene Knappheit durch die Lyrik hindurchgegangen ist. Der Lyriker weiß, dass er seine Erfahrung niemals ihrem erlebten Gehalt nach transportieren wird, dass sie im Gedicht nicht aufersteht, sondern sich in etwas verwandelt, woran andere ihre Erfahrungen machen. Die empörte und ein wenig einfältige Enttäuschung, mit der Leser und Verfasser von Romanen auf deren Verfilmung reagieren, weil immer etwas ganz anderes dabei herauskommt, als sie sich vorgestellt haben, ist ihm fremd. Er findet sich ohne Groll damit ab, dass das Individuum keine fortführbare Tradition hinterlässt, sondern lediglich mehr oder minder deutlich geformte Scherben, wie die frühen Kulturen Europas, die Bandkeramiker und Glockenbecherleute, die in späteren Zeiten nach dem wenigen heißen, das von ihnen übrig ist.

          Tranströmer erzählt, durchaus zufrieden, wie er selbst zur Lyrik gekommen ist, durch die Oden des Horaz und über einen zähen Lateinlehrer mit dem Spitznamen "der Bock", der "Übersetzen!" ruft, woraufhin es losgeht, mit vielen Ähs und Öhs: "Jetzt war der aus sich selbst leuchtende römische Text wirklich auf die Erde heruntergeholt worden. Aber im nächsten Augenblick, bei der nächsten Strophe, kam Horaz mit der wundervollen Präzision der Verse wieder. In diesem Wechselspiel zwischen dem Klapprig-Trivialen und dem Federnd-Sublimen lernte ich eine Menge. Es waren die Bedingungen der Poesie. Es waren die Bedingungen des Lebens." Tranströmer, so scheint es, fühlt sich alt genug, um die Forderung, Leben und Poesie zu scheiden, die an einen jungen Autor so streng herantritt, für sich außer Kraft zu setzen. Genug liegt hinter ihm und nicht mehr gar so viel vor ihm, und so bietet sich ihm das Wechsel- und Gegenspiel von Verlauf und Bestand nunmehr schon, wenn er auf das Leben blickt: "Palle, der vor fünfundvierzig Jahren gestorben ist, ohne erwachsen zu werden - ihm fühle ich mich gleichaltrig. Aber meine alten Lehrer, die ,Greise', wie sie allesamt genannt wurden, sie bleiben in der Erinnerung Greise, obwohl die älteren unter ihnen genau in dem Alter waren, wie ich jetzt bin, da ich dies schreibe. Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe hat. Die Summe daraus ist das, was ,ich' ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre all meine früheren."

          Es ist gar nicht mehr wichtig, ob es glückliche Gesichter waren (was man bei biographischer Literatur jeder Art doch sonst immer vor allem wissen will). Zu den Eigenheiten des Texts gehört es, dass er sich nahezu indifferent zum positiven oder negativen Vorzeichen der damaligen Vorgänge verhält. In ihrer Besonderung jedoch lösen sie den Autor in dem Moment, da er es schreibt, von der Tyrannei und Aussichtslosigkeit der verrinnenden Zeit. Und hier verallgemeinert sich das Private, von dem der Band handelt: Es mag als solches dem Autor unvermittelbar und dem Leser unerreichbar bleiben, aber es lässt den, der zuhören möchte (auch wenn er jung ist), teilhaben an einer Atmosphäre beglückender Freiheit, die dem Alter zuwächst.

          BURKHARD MÜLLER

          Tomas Tranströmer: "Die Erinnerungen sehen mich". Aus dem Schwedischen übersetzt von Hanns Grösel. Carl Hauser Verlag, München 1999, 78 S., br., 22,- DM.

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