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Rezension: Belletristik : Alles aus einem Guß

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Literarisches Lübeck: Ein Führer für Spaziergänger

          2 Min.

          Hans Wißkirchen, Leiter des Heinrich-und Thomas-Mann-Zentrums im Buddenbrookhaus, begleitet den Leser und den Besucher Lübecks auf drei Spaziergängen durch die Hansestadt und zu einem Ausflug nach Travemünde. Und noch zwei weitere Begleiter gesellt er ihm zur Linken und zur Rechten: Heinrich und Thomas Mann. Man glaubt sich mitten in die "Buddenbrooks" versetzt, wenn deren Autor den Blick des Spaziergängers für Gestalt und Atmosphäre der Kirchen und Speicher, Gruben, Giebelhäuser und Tore schärft.

          Ab und zu kreuzen weitere Autoren den Weg des literarischen Flaneurs. "Die Stadt Lübeck selbst trägt durchaus das majestätische düstre Gepräge der Vorzeit", teilt ihm der junge Eichendorff als seinen Eindruck mit. "Vorzüglich herrscht der Geschmack von vielen Fenstern und Spiegelscheiben", ergänzt Wilhelm von Humboldt. "Alles aus einem Guß", urteilt Theodor Fontane; wirklich "stylvoll" sei die Stadt. "Und doch", wendet Thomas Mann, höflich den Hut ziehend, ein, "es scheint mir um ihre bürgerliche Gesundheit eigentümlich suspekt zu stehen, nicht ganz geheuer. Es hockt in ihren gotischen Winkeln und schleicht durch ihre Giebelgassen etwas Spukhaftes, etwas wie religiöse Seelenkrankheit, man würde sich nicht übermäßig wundern, wenn dort, dem marxistischen Bürgermeister zum Trotz" - ach, guten Tag, Herr Bouteiller! -, "noch heutigen Tages plötzlich der Sankt Veitstanz oder ein Kinderkreuzzug ausbräche - es wäre nicht stilwidrig" - Pardon: "stylwidrig", Herr Kollege! Gottfried Benn gesteht, "nicht ohne Rührung vor dem Haus der Manns" zu stehen. "Diese Stadt, reizvoll gewiß, wäre für dieses Jahrhundert wohl ohne jede Bedeutung, wenn nicht dies Ereignis dort stattgefunden hätte", sagt er wohl eine Nuance mehr zu Heinrich als zu Thomas Mann gewandt, doch beide danken für das Kompliment.

          Nach dem abschließenden Gang über die Seepromenade von Travemünde, wo der auf einmal sehr alt wirkende Thomas Mann den Flaneur sanft drängt, durch das dort aufgestellte Teleskop zu blicken, fühlt er sich von seinen prominenten Begleitern so reich belehrt, daß ihm nur noch übrigbleibt, Hans Wißkirchen dankbar die Hand zu drücken. Vielleicht nimmt er ihn auch diskret beiseite und tuschelt: auf Heinrich Mann könnte man beim nächsten Spaziergang vielleicht verzichten. Er habe kaum Anschauliches über die Atmosphäre der Stadt zu sagen, und man erkenne diese in seinen verzerrenden Kommentaren auch nicht recht wieder. Warum nicht einmal eine Frau als Begleiterin? Jene aparte Gräfin Franziska zu Reventlov zum Beispiel, die einmal kurz aufgetaucht sei, habe gewiß recht Interessantes über Lübeck mitzuteilen. Könnte man nicht ein Rendezvous mit ihr in der Marienkirche . . . Das geht wohl doch zu weit, mag Hans Wißkirchen entgegnen, aber wer weiß . . . warten Sie auf die nächste Auflage! DIETER BORCHMEYER

          Hans Wißkirchen: "Spaziergänge durch das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann". Unter Mitarbeit von Klaus F. v. Sobbe. Arche Verlag, Zürich und Hamburg 1996. 155 S., Abb., br., 34,- DM.

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