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Rezension: Belletristik : Affe im Paradiesgarten

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Peter Høeg und die Tierliebe · Von Harald Hartung

          5 Min.

          Am Schluß des neuen Romans von Peter Høeg, als die Liebenden sich trennen, erfahren wir, was ein Engel ist - "vielleicht ein Drittel Gott, ein Drittel Tier und ein Drittel Mensch". Das ist so recht der Moment für solche Definitionen. Sie leuchten im Abschied auf, und das "vielleicht" verleiht ihnen Aura. Vielleicht aber hat der Autor - nach vollbrachter Leistung - auch eine andere Synthese im Auge gehabt. Sie ergäbe, was er gern wäre: der Zauberer. Wie jener Lübecker, den seine Kinder so nannten. Nur noch leichter, beschwingter. Die Drittel können ja bleiben: Gott, Mensch, Tier. Zwei davon erscheinen auch im Titel des Buches. Für den lieben Gott bleibt immer noch das Detail.

          Doch kann man auch immer zaubern - vor allem, wenn das Publikum immer neue und noch unerhörtere Kunststücke verlangt? Auch der Zauberprofi mag Momente des Selbstzweifels haben und versuchen, sie zu überspielen. Vielleicht deshalb gibt er sich lässig und legt in "Die Frau und der Affe" eine Exposition hin wie aus einem Lehrbuch für Krimiautoren. Versiert und ostentativ mysteriös.

          Was soll der in eine Wolldecke gewickelte Affe im Cockpit eines Segelbootes, das sich London nähert? Wer ist der Mann, der "zur Zeit" Bally heißt und jetzt "den ersten und letzten Fehler der Reise" begeht? Was meint die Hand des Affen am Autopilot des Bootes? Selbst der ungelernte Krimileser begreift da: Etwas wird passieren - und es passiert auch. Das Boot donnert in die Reihe der im Schleusenbecken ankernden Schiffe und versinkt. Nur zwei Leute haben bemerkt, daß ein "grauer Mantel" über den sinkenden Schiffsrumpf ans Ufer gesprungen und hinter einem Haus verschwunden ist. Der eine ist der Schleusenwärter, der andere ist Johnny. Fragen Sie nun nicht, wer Johnny ist.

          Doch vielleicht hat der fabulierende Menschenfänger uns nur etwas narren wollen? Høeg demonstriert nämlich, was man aus solch einem hingefetzten Anfang machen kann. Zunächst einen deutlich subtileren Fortgang: ein raffiniert skizziertes Stück Ehe- und Gesellschaftsroman, die Analyse einer intimen Entfremdung. Die Frau, die morgens in das Arbeitszimmer des berühmten Londoner Zoologen Adam Burden tritt, verbreitet einen leichten Geruch von Äthylalkohol. Der Gatte bemerkt ihn nicht. Die Distanz ist offenbar zu groß nach einigen hundert Tagen Ehe. Andererseits gibt es eine Inklination zwischen den beiden; wohl auch, zumindest für ihn, erotische Faszination. Madelene, die radikale und illusionslose Trinkerin, die sich heimlich aus den medizinischen Beständen ihres Mannes bedient, sieht die Ehe als "die tägliche mirakulöse Befriedigung der Grundbedürfnisse". Nämlich so, im Trinken. Zudem ist sie dankbar, daß Adam sie, die Dänin, vor dem sicheren familiären Untergang nach London gerettet hat - wenn auch in ein postkoloniales Luxusgefängnis von Villa.

          Nun aber ist ein anderer Mann in ihrer beider Verhältnis eingetreten: der Affe. Erasmus ist kein gewöhnlicher Affe. Denn er gibt Madelene bei ihrer ersten Begegnung einen Pfirsich. Eine symbolische Geste? Wir hängen der Frage nicht nach, denn der Erzähler, der ein lebhaftes Tempo anschlägt, doch seine Allwissenheit weise auf die Romandistanz verteilt, ist unseren Deutungen immer schon voraus - behende wie sein zu Riesensprüngen fähiges Geschöpf.

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