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Rezension: Belletristik : Aff' schlägt sich, Aff' verträgt sich

  • Aktualisiert am

Will Selfs Schimpansenwelt Von Annette Pehnt

          Zack Busner streift sich ein frischgebügeltes Hemd über, spitzt vor dem Spiegel die wulstigen Lippen und kämmt sich mit einem Fuß die Schnauze. Von seinem Chauffeur läßt er sich in die psychiatrische Klinik fahren, wo ein neuer spektakulärer Fall auf ihn wartet: ein Affe, der sich für einen Menschen hält.

          Will Self hat einen Bildungsroman geschrieben. An seinem Ende steht jedoch nicht die vollkommene Menschwerdung, sondern das Wiedererlangen der Schimpansität: die "schöne Welt der Affen".

          Der menschlich gewordene Schimpansenheld der Geschichte ist das Alpha-Männchen Simon Dykes. Er ist auf die Abwege der Menschlichkeit geraten und wird von dem großen Londoner Antipsychologen Busner betreut, der ihm geduldig die Grundlagen normalen affigen Verhaltens vermittelt: Hierarchie und Gruppenleben, Lausen, Paarung und gesunde Aggression. Menschen in freier Wildbahn haben sich als Art nicht durchsetzen können, aber im Londoner Zoo kann man noch einige Exemplare hinter Gittern beobachten, und fürwahr, sie bieten einen traurigen Anblick. Schlaff und vereinzelt stehen sie herum, verdecken ihre fahlen Fleischfalten, hantieren ungeschickt mit den schlaffen Ärmchen. Bewegungssinn geht ihnen völlig ab; steif tapsen sie daher, mit durchgedrückten Knien und linealgeradem Rücken. Körperkontakt ist ihnen ein Graus, und sie verschreiben sich dem verkrampften, evolutionsfeindlichen Ideal der Monogamie, das sie heimlich hintertreiben, wo es nur geht. Diese eigenartige Spezies ist den Schimpansen eindeutig unterlegen, was auch Simon Dykes trotz seines Menschenwahns nach und nach einsehen muß.

          Die Affen haben zwar inzwischen eine komplexe Großstadtkultur entwickelt, die gewisse kulturkritische Artgenossen als bedenkliche Entfremdung von natürlichen Umweltbedingungen empfinden und die von avantgardistischer Kunst über Designer-Drogen bis zu Markenkleidung reicht. Aber die Grundlagen schimpansischen Miteinanders bleiben gewahrt: man paart sich, laust sich, schlägt sich und verträgt sich.

          Man kann Kafkas gelehrten Affen und Orwells stalinistische Schweine als literarische Vorbilder bemühen, aber auch in der zeitgenössischen Literatur wird gern mit dem Zerrspiegel der tierischen Welt gearbeitet. Zuletzt hat Peter Høeg die Affenliebe zum Thema gemacht und eine Gesellschaft entworfen, in der die evolutionsgeschichtlich abgesicherte Vorherrschaft des Homo sapiens ins Wanken gerät. Das Stilmittel ist, wie sich bei Will Self beobachten läßt, relativ einfach zu handhaben: Man verfertige eine realitätsgesättigte Gesellschaftsstudie, die sich ob ihres hohen Sex- und Drogengehalts an der Grenze zur Anstößigkeit bewegt, und ersetze die menschlichen Helden durch Viecher. Schon tönt hinter der glänzenden Oberfläche der kritische Unterton, und die Frivolitäten einer bekifften In-Group laden sich mit satirischer Kraft auf.

          Vielleicht mangelt es also Will Selfs Phantasie eines alternativen Evolutionsstranges an Originalität und Raffinesse, aber seiner Satire auf den Londoner Kulturbetrieb, auf die Methoden der Psychiatrie und die Bestechlichkeit öffentlicher Persönlichkeiten nimmt das nichts von ihrer Schärfe. Auch Aesops Fabeln sind schlicht, aber wirksam.

          Die Schwächen des Romans liegen eher in der Erzähltechnik. Self hätte sich auf die Perspektiven von Therapeut Busner und Patient Dykes beschränken sollen, um die beiden Weisen der Weltwahrnehmung pointiert aufeinanderprallen zu lassen. Welche Welt die wirkliche wäre, hätte so offenbleiben können. Statt dessen muß man sich in weitere menschliche Erzählstandpunkte hineinfinden, etwa in die Perspektive von Dykes' Geliebter Sarah, so daß die Menschenwelt über weite Strecken erzählerisch abgesichert scheint. Daß sie sich im nachhinein nur als Wahnvorstellung des kranken Schimpansen Dykes entpuppt, ist wenig glaubwürdig und nimmt dem Buch die spielerische Ungewißheit.

          Daß Schimpansen ihrer Sinnlichkeit hemmungslos und burschikos frönen, hätte der Leser auch begriffen, wenn Self die erotische Affenliebe weniger detailliert gezeichnet hätte. Gekonnt eingesetzt sind die erotischen Szenen allerdings dort, wo die politisch korrekten Vorgaben der Menschenwelt mit tiefschwarzem Humor auf den Kopf gestellt werden. Mißbrauchte Schimpansenkinder sind diejenigen, die von ihren Eltern sexuell vernachlässigt werden; junge Weibchen messen ihre Attraktivität an der Anzahl der "schnellen Nummern", die sie zwischen U-Bahn und Büro absolvieren, ein kehliges "HoooGrah", den triumphalen Keuchruf der Schimpansen auf den fleischigen Lippen. Der Leser legt Will Selfs zweiten Roman still aus der Hand. Kein Laut ertönt. Aber unwillkürlich fährt er sich mit der Hand durch die Nackenhaare. Dort, wo gern die Läuse sitzen.

          Will Self: "Die schöne Welt der Affen". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Berr. Luchterhand Verlag, München 1998. 441 S., geb., 48,- DM.

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