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Rezension: Belletristik : 1869

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Gustave Flaubert "Die Erziehung des Herzens"

          Als George Sand den neuesten Roman ihres Freundes Flaubert las, beunruhigte sie zweierlei: der eisige Glanz, den dieses in seiner desillusionierenden Kraft fast unnahbare Buch auch auf sie ausstrahlte, und die Empörung, die sie bei jenen Lesern voraussah, die zwar spüren würden, daß der Autor sich selber wirklich nicht schonte bei diesem erotischen und politischen Porträt seiner Generation, daß aber der Elfenbeinturm seiner großen Kunst ihm eine Sicht erlaubte, die er ganz offenkundig dem süßen Flair der allgemeinen Selbstzufriedenheit vorzog. Und so schrieb sie: "Der Roman ist eine neue Errungenschaft des Geistes, und darum muß er eine freie Errungenschaft bleiben. Er würde seine raison d'être an dem Tag verlieren, an dem er den Strömungen der Epoche nicht folgte, die darzustellen oder anzudeuten er bestimmt ist . . . Der Roman ist das neutrale und unabhängige Terrain." Leicht fiel ihr das nicht, denn sie selber, ihrem Herzen nach, dem sie gern folgte, wäre lieber gut als wahr gewesen - nicht daß Flaubert ein Unmensch war gegen sie, aber er (das wußte sie) würde, wenn die schöneren, das heißt die genaueren (das heißt eben: die schöneren) Sätze eher in der Nähe der Wahrheit als des Guten möglich wären, die Schönheit immer der Güte vorziehn. "Er reiste", schreibt er am Ende über seinen Helden. "Er lernte die Schwermut der Schiffe kennen, das kalte Erwachen unter Zelten, die Betäubung von Landschaften und Ruinen, die Bitternis jäh zerrissener Zuneigungen. Er kehrte wieder zurück . . . Jahre gingen hin, und er ließ seinen Verstand in Müßiggang und sein Herz in Trägheit verharren." Vielleicht hilft ja nichts gegen ein solches Schicksal, wenn seine Beschreibung uns treffen soll; wenn aber überhaupt etwas helfen könnte, dann diese genaue Beschreibung. Genau heißt: Der Glanz der Beschreibung soll uns die widerstrebenden Augen öffnen. (Gustave Flaubert: "Die Erziehung des Herzens. Geschichte eines jungen Mannes". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Emil Alfons Rheinhardt. Diogenes Verlag, Zürich 1979. 615 Seiten, br., 24,80 DM.) R.V.

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