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Rezension: Belletristik : 1807

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Madame de Staël "Corinna oder Italien"

          1 Min.

          Madame de Staël, die unübersehbare Erscheinung unter den Frauen Europas (nicht schön eigentlich, aber was für Augen! was für ein Dekolleté! und welch ein Geist!), von Napoleon aus Paris verbannt, bereiste in den Jahren 1804 und 1805 erst Deutschland, dann Italien. Als sie in Mailand ankam, war Napoleon gerade dort gekrönt worden; sie hatte ihre Kinder mit und August Wilhelm Schlegel (sie liebte gern, aber Schlegel war zweifellos nicht ihr Fall, Widerstand hätte er sicher nicht leisten können, keiner konnte das). In Italien verwandelte sie sich in die große Dichterin Corinna, die einen hinreißenden jungen Engländer liebt, einen Lord - junge englische Lords in Italien, das war der Traum groß empfindender europäischer Frauenseelen (Jane Austen etwa dachte da anders, aber sie hatte auch kein solches Dekolleté, und als die Staël sie Jahre später in London zu sehen wünschte, lehnte Jane Austen ab). Der Lord liebt sie auch, und sie reden pausenlos über Italien, über das die Staël unzählbar viele unmögliche Ideen hatte. Dann muß der Lord nach England, und anstatt seiner Familie Corinna nahezubringen (es gibt da Vorgänge), heiratet er deren reizvolle Halbschwester Lucile. Davon erfährt Corinna, und das Große ist nun dies: Sie wollte ihn und keinen andern und ist stark; und er liebt, obwohl nicht unberührt von den Reizen Luciles, immer noch Corinna, aber ist schwach. Und nun macht sich Madame de Staël ganz los von der Dichterin, die sie bis dahin war, und läßt diese zwar nicht wie Goethe seinen Werther sich erschießen (liebende Frauen haben keine Pistolen), wohl aber so in die große und sicher doch an Größe von keinem Mann erreichbare Liebe sich verlieren, daß sie, ja, daß sie stirbt. Im letzten Augenblick eilt noch ihr Lord zu ihr, aber der letzte Augenblick ist für solche Liebe der, der zu spät kommt - und so verzeiht sie ihm, denn das hätte er gern, diese Seele von Mann, aber sie stirbt. Noch aus dem Manuskript übersetzte August Wilhelms Schwägerin Dorothea Schlegel das große Buch, und ganz Europa war begeistert, ausgenommen wieder Napoleon, der sich dann im Jahre darauf mit Goethe so nett unterhielt. Goethe bewunderte ihn und hatte nicht dieses beunruhigende Dekolleté. (Madame de Staël: "Corinna oder Italien". Aus dem Französischen übersetzt von Dorothea Schlegel. 1979 im Winkler Verlag, München, 1985 auch beim Deutschen Taschenbuch Verlag, München, erschienen; inzwischen vergriffen, sicher aber in Stadtbüchereien leicht zu bekommen.) R.V.

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