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Rezension: Belletristik : 1771/1772

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Sophie von La Roche/Wieland "Das Fräulein von Sternheim" "Der goldne Spiegel"

          1 Min.

          Sophie wollte eigentlich schon in ein Kloster gehn, als ihr Papa die Ehevertragsverhandlungen mit einem italienischen Arzt abgebrochen hatte; dann aber, als sie ihren schwärmerischen jungen Vetter Wieland kennengelernt hatte, ließ sie von den Klostervorhaben und schwor nur, niemals Gebrauch von all den Kenntnissen zu machen, mit denen jener Italiener sie hatte ausrüsten lassen für sich, Mathematik, Singen etc. Wieland war schüchtern und süß, in der Gegend von Biberach erklärte er ihr die Welt, und sie sagte, mach ein schönes Gedicht daraus, und ich heirate dich, und er machte das Gedicht und sie verlobten sich, und Sophie war gerettet. Wieland ging dann zu Bodmer nach Zürich und schrieb einen Haufen dummes Zeug, Sophie löste sich von ihm und heiratete bald einen Hofrat Lichtenfels, genannt La Roche. Wieland seinerseits lernte Bibi kennen, ein süßes Ding, dem er auch ein Kindchen machte, und schrieb den "Agathon", dann heiratete er eine Kaufmannstochter, die ihm so viele Kinder schenkte, daß er kaum das Geld dafür zusammenkriegte. Einmal bei Koblenz trafen sich Sophie und Wieland und fielen sich in die Arme und weinten wunderschön, und Wieland gab anschließend im Jahre 1771 ein Buch heraus, das Sophie, die noch wohl einiges behalten hatte von dem, was eigentlich jenem Italiener hätte zugutekommen sollen, inzwischen geschrieben hatte, die "Geschichte des Fräuleins von Sternheim"; dieses Fräulein, das eigentlich eine Fürstenmätresse werden soll, glaubt an das Gute in den Menschen, setzt es für sich durch und möchte nun auch die andern dazu erziehen, gut zu sein und gut zu leben. Wieland unmittelbar dazu publizierte 1772 den "Goldnen Spiegel", den amüsantesten Staatsroman der Welt, zur Erziehung guter Fürsten, und bekam daraufhin eine schöne Stelle in Weimar. Er kaufte sich bei Weimar später ein Gut, dort besuchte ihn am Ende des Jahrhunderts Sophie einmal. Ein bißchen ging sie ihm mittlerweile auf die Nerven, aber sie hatte eine entzückende Enkelin Sophie mitgebracht, eine Schwester des Dichters Clemens Brentano und jener Bettina, die dann Achim von Arnim heiratete. Beide reisten wieder ab, aber Sophie, vierundzwanzig, kam wieder, und alle sagen, es sei mit den beiden wie im Paradies gewesen. Sie starb ein paar Monate später, er begrub sie in seinem Garten, an der Ilm, und schrieb den "Aristipp", das Buch, dessen Muse sie gewesen war. (Wielands "Goldner Spiegel" im Moment nur als Reprint bei Weidmann in Hildesheim, 198,- DM; Sophie von La Roche, "Geschichte des Fräuleins von Sternheim", Reclam Verlag, Stuttgart 1983, 16,- DM.) R.V.

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