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Rezension: Belletristik : 1769

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Voltaire "Die Prinzessin von Babylon"

          1 Min.

          Eines der schönsten jener Märchen, wie sie mitunter den klügsten Leuten damals in den Kopf gekommen sind, ist das von der Prinzessin von Babylon, die verheiratet werden soll, und drei Könige können einen gewaltigen Bogen nicht spannen, aber auf einem Einhorn, ja auf einem Einhorn wirklich kommt dann ein Jüngling, und der kann ihn spannen und läßt der Prinzessin, die natürlich fasziniert von ihm ist, einen Vogel da, als er wieder wegzieht, und dieser Vogel, der im Zimmer der Prinzessin auf einem kleinen Apfelsinenbaum wohnt, "entfaltete einen so wundervollen Schweif, seine ausgebreiteten Schwingen schimmerten in so leuchtenden Farben, das Gold seines Gefieders erstrahlte so hell, daß alle Blicke nur auf ihn gerichtet waren", und sogar reden kann dieser wundervolle Vogel und der Prinzessin von seinem Herrn erzählen, zum Beispiel sein Einhorn, sagt er, "ist das übliche Reittier der Gangariden, es ist das schönste, stolzeste, schrecklichste und sanftmütigste Tier, das die Erde bewohnt". Ein Idiot erschießt dann den Vogel, der noch sagen kann, die Prinzessin solle ihn verbrennen, seine Asche sammeln und dort und dorthin tragen; und sie tut das und bricht auf und sucht den Herrn des Vogels, ihren Geliebten: der wieder reist um die Welt, um dann zu ihr zurückzukehren, und so reisen sie nun hintereinander durch die Welt. Es ist eine andre Reise als etwa die Humphry Clinkers oder Candides oder Belphegors, oder wen immer wir schon haben reisen sehn (habe ich nicht einmal Melville mit dem Satz zitiert, alle Romane seien eigentlich nur Reisebücher?), der Ton bleibt märchenhaft-schön und ganz leicht bei aller Satire, offenbar war Voltaire in diesen Wochen von so gutem Appetit wie Diderot meistens, sein "Candide" lag schon eine Weile zurück, er wohnte bequem in seinem Schlößchen am Genfer See, er war fünfundsiebzig, er war endlich reich, alle Welt, die Kirche ausgenommen, huldigte ihm. Ein paar Jahre später wird er dann noch einmal eine Geschichte um eine schöne Prinzessin schreiben, diesmal liebt sie einen wundervollen weißen Stier und kriegt ihn auch. (Voltaire: "Sämtliche Romane und Erzählungen". Mit einer Einleitung von Victor Klemperer, aus dem Französischen von Ilse Lehmann. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1976. 489 S., br., 34,80 DM.) R.V.

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