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Rezension: Belletristik : Vielleicht fehlt gar nichts

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James Salter sucht die "Dämmerung" und die Tradition der Kurzgeschichte · Von Martin Mosebach

          3 Min.

          Wer hat die amerikanische Short story erfunden? Fest steht, daß James Joyce in seinen "Dubliners" alles geleistet hat, was in diesem Genre überhaupt möglich ist, nach gründlichem Studium der Erzählungen Tolstois und Tschechows nebenbei, die auch keine Amerikaner waren. Damit hat die Short story, so modern sie sich auch gebärdet, doch schon ehrwürdige Ahnen und ein ehrwürdiges Alter. Ganz früh war sie da, und von da an wurde sie erforscht und entwickelt und verfeinert, aber an dem Modell änderte sich nichts mehr wesentlich.

          Seltsam, daß ein derart auf Flüchtigkeit und den Eindruck von Formlosigkeit angelegtes Genre derart strenge Formgesetze hervorbringen sollte. Die Short story ist wie ein Schnappschuß. Sie erzählt ihre Geschichte, als sei sie gar keine, ein Zufallsausschnitt aus dem Leben ohne Anfang und Ende. In schärfstem Gegensatz steht sie zu allem Anekdotischen; sie darf keine Pointe haben oder muß sie so gut verstecken, daß die meisten Leser sie nicht entdecken. Eigentlich ist sie ein Miniaturroman. So wie der Schnappschuß manchmal einen verborgenen Zug in einem Gesicht offenbart, enthüllen alltägliche Ereignisse unwillkürlich eine Lebenswunde, einen Schicksalswendepunkt, eine stille Katastrophe. Das klingt an und klingt gleich wieder ab. Man hat gesagt, Kunst sei das Gegenteil von Zufall - die Short story versucht, dieses Gesetz zu verwischen, es unsichtbar zu machen. Sie hat etwas von einer zen-buddhistischen Meditation über fallende Herbstblätter und kalt werdenden Tee. Sie ist die Disziplin, vom Löwen nur die Klaue zu betrachten.

          Sie ist eine eiserne Disziplin. Wer Short stories schreibt, unterwirft sich einem der ganz wenigen Formzwänge, die in der Kunst der Gegenwart noch Geltung besitzen. Die Short stories, die James Salter 1976 unter dem Titel "Dusk"veröffentlichte und die nun auf deutsch erschienen sind, tragen die ganze Last dieser Tradition. Salter ist ein Schriftsteller, der seine Arbeit offensichtlich im höchsten Bewußtsein von der Natur seines Genres angeht. Von Anfang an gehört die Wortkargheit zur Short story, die knappen Sätze, die Seltenheit von Nebensätzen, das Vermeiden jeder Art von Reflexion, jeder Distanz. Wie ein Handschuh soll sich die Sprache um die Fakten schließen, keine Luftblasen sollen sich bilden dürfen.

          Man sieht, wie schwer es ist, hier eine persönliche Form zu finden. Das Persönliche soll ja gerade draußen bleiben. Nackt, kalt und ungeschönt sollen die Details vor die Augen des Lesers treten; die Stimmung soll wie beim Schwarzweißfoto mehr aus den Gesetzen der Gattung als aus dem einzelnen Werk entstehen. Salter gehört zu den Autoren, die versuchen, den Stil noch ein kleines bißchen mehr zu verknappen. Er rechnet mit einem trainierten Publikum, das die Technik kennt. Wie viele Spielkarten kann man aus einem Kartenturm wegnehmen, ohne daß er einstürzt? Mit wie wenig Butter kann man backen, ohne daß der Kuchen zerbröselt? Es scheint, als seien es solche artistischen Fragen, die den Autor vor allem beschäftigen, als sei ein Mißlingen des Experimentes für ihn von demselben Interesse wie ein Erfolg.

          Ganz deutlich geht es ihm nicht darum, die Muster seiner zahlreichen Vorläufer, die er alle kennt, zu vermeiden. Sein ganzes Personal, die erfolglosen Schriftsteller, die geschiedenen Frauen, die in Europa verlorengegangenen Amerikaner, gehört zur Short story wie der Harlekin in die Commedia dell'arte. Das Gefühl der Verlassenheit, der Sinnlosigkeit, der Vergeblichkeit gehört zur Short story wie die Leiche in den Kriminalroman.

          Was Salter an Motiven anklingen läßt, ist alles so bekannt, daß es beabsichtigt sein muß. Dreiecksbeziehungen, bei denen unhörbar leise ein Herz bricht, Frustrationen, Lebens- und Hoffnungsvernichtung bilden den Stoff, aus dem die kleinen Geschichten gewoben sind. Immer wieder geht es um die winzige Änderung des Blickwinkels, die das Grauen der Einsamkeit offenbart. Aber gibt es das Grauen als Zitat?

          Es verblüfft, in einer Zeit, die Kunst und Originalität geradezu gleichsetzt, einen intelligenten und gebildeten Autor zu erleben, dessen wesentliches Ziel es ist, einer Tradition zu dienen und vorgegebene Formen bis zur Selbstverleugnung zu erfüllen. Es ist etwas Bewundernswertes in dieser Haltung; man darf niemals vergessen, daß ihr in der Vergangenheit viele der größten Kunstwerke zu verdanken waren. Ist Salters "Dämmerungs"-Sammlung ein Kunstwerk?

          Die Blässe der Figuren muß nicht dagegen sprechen. Tatsächlich schwimmen die Figuren ineinander, so sparsam sind sie charakterisiert. Salter versagte sich das Beschreiben und das Psychologisieren, und das ist nur konsequent. An ganz wenigen Hölzchen muß die Lebensflamme Nahrung finden, da wird sie oft bläulich und flackert. Wenn Salter Fehler unterlaufen, was durchaus vorkommt, dann liegt darin noch ein Verdienst: So erbarmungslos hat er sich an die Regeln gehalten, daß jeder Verstoß scharf herausstechen muß. Man könnte einen Mangel an Abstand zu all dem Seelengrau monieren, das Fehlen eines Lächelns, von auktorialer grundsätzlicher Heiterkeit, aber das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks und keine Verletzung der Short-story-Tradition. Wer nach Handwerklichkeit, Nachprüfbarkeit, Form in der Literatur verlangt, der findet sie bei Salter. Oder gab es da noch etwas anderes?

          "Etwas fehlte in ihm", denkt der junge Rechtsanwalt Alan über seinen Freund Frank in der Erzählung "American express", "und die Frauen hatten immer alles getan, um herauszufinden, was es war. Und das würden sie auch weiter tun. Vielleicht war es einfacher, dachte Alan. Vielleicht fehlte gar nichts." Vielleicht fehlt wirklich nichts. Vielleicht ist die Kunst ein leerer Wahn? Das ist die beunruhigende Frage, die James Salters Kunstfertigkeit durchaus nicht beantwortet.

          James Salter: "Dämmerung". Erzählungen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Beatrice Howeg. Berlin Verlag, Berlin 1999. 185 S., geb., 36,- DM

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