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Rezension: Belletristik : Das Böse ist nicht banal

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H. G. Adlers Buch "Eine Reise" · Von Lothar Müller

          6 Min.

          Der Leiter der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Böhmen und Mähren", ein Stellvertreter Adolf Eichmanns im besetzten Prag, hieß Hans Günther. Er wird kaum wahrgenommen haben, dass sich unter den Prager Juden, die im Februar 1942 nach Theresienstadt gebracht wurden, ein Mann namens Hans Günther Adler befand. Der Sohn des Buchbinders Emil Alfred Adler war damals Anfang dreißig. Seine Dissertation über "Klopstock und die Musik" lag schon einige Jahre zurück, auch die Arbeit im Prager Volksbildungshaus Urania, in das er, noch vor 1938, Elias Canetti zu einer Lesung aus dem Roman "Die Blendung" eingeladen hatte.

          Anders als seine Frau und seine Schwiegermutter überlebte Adler die Deportation nach Auschwitz im Oktober 1944. Die Materialien, die er seit 1942 für ein wissenschaftliches Buch über das Lager zusammengetragen hatte, gingen nicht verloren. Der Rabbiner Leo Baeck, Präsident der Reichsvertretung der Juden und seit 1943 in Theresienstadt, hatte sie gerettet. Seit Oktober 1945 arbeitete Adler in Prag an seinem Manuskript, im Frühjahr 1947 verließ er seine Heimatstadt und wanderte nach London aus. Dort stellte er im folgenden Jahr die Urfassung seines Buches fertig. Einen Verleger fand er zunächst nicht dafür. Es erschien in einer überarbeiteten Fassung erst im Jahre 1955 bei C. B. Mohr in Tübingen: "Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft". Für den Druckkostenzuschuss hatte Theodor W. Adorno gesorgt. Der Name des Verfassers war auf dem Titel, wie eine Signatur, in einer handschriftlich wirkenden Typographie gesetzt. Umso mehr musste auffallen, dass die Vornamen zu Initialen verkürzt waren: "H. G. Adler". Der Aufmerksamkeit des Erforschers der Lagerwelt war der SS-Mann in der Prager Dienststelle nicht entgangen. Hans Günther Adler löschte in dem Namen, den er künftig tragen wollte, den des Handlangers der Vernichtung. Doch war dies keine Triumphgeste, sondern ein Akt der Notwehr. In der Zäsur, die er durch den Rückzug auf die Initialen markierte, war die Versehrung festgeschrieben, der er in den Zeiten des Namensentzugs und der Anonymisierung ausgesetzt gewesen war.

          Man könnte aus Adlers Werk eine Anthologie unter dem Titel "Die Verstörung" herausschreiben und sie der Theorie des Überlebens entgegensetzen, die Elias Canetti in "Masse und Macht" entwickelt hat. Viele Stücke darin würden den Romanen und Gedichten entstammen, die Adler parallel zu seinem wissenschaftlichen Werk verfasste. Elias Canetti, Heimito von Doderer und Heinrich Böll schätzten den Erzähler. Doch ist dieser in dem Historiographen und Soziologen verschwunden, der seinen durch die Theresienstadt-Analyse gewonnenen Ruf mit der Studie "Der verwaltete Mensch" (1960), dem Rückblick "Die Juden in Deutschland" (1960) und der Dokumentation "Auschwitz. Zeugnisse und Berichte" (1962) festigte.

          Den Roman "Eine Reise" hat Adler in den Jahren 1950 und 1951 geschrieben. Lange fand er dafür keinen deutschen Verleger. Als er im Jahr 1962 in der "bibliotheca christiana" erschien, blieb er zwar von der Kritik nicht unbemerkt. Doch hatte der Kleinverlag in Bonn nicht die Mittel, im großen Stimmengewirr um den Prozess und die eben erfolgte Hinrichtung Adolf Eichmanns das literarische Gedenkbuch der Deportation zur Geltung zu bringen. Nun liegt es, von Jeremy Adler, dem Sohn des Autors, mit einem erhellenden Nachwort versehen, wieder vor und wirkt wie eine Flaschenpost aus ferner Zeit, verfasst in einer Prosa, wie sie heute niemand mehr schreibt. Die vorgetäuschte Holocaust-Zeugenschaft des Binjamin Wilkomirski ist gerade in sich zusammengebrochen. Er hatte auf den Stoffhunger nach grässlichen Details und die Suggestion des Autobiographischen spekuliert. Dass Adlers Buch zum bedeutendsten literarischen Werk seines Autors wurde, verdankt sich der Konsequenz, mit der es auf jegliche Ausstellung des Autobiographischen verzichtet.

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