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„Die Nächte von Paris“ : Wo steckt sie bloß, die glückliche, süße Gleichheit?

  • -Aktualisiert am

„Das Bettler-Billard« – Der Nächtliche Zuschauer erblickt in einem Billard-Lokal die menschliche Natur in ihrer ganzen Unförmigkeit. »Der große Nichtsnutz gehörte anscheinend zum Personal dieser Spelunke.“ Bild: Galiani Verlag, Berlin 2019

Rétif de la Bretonnes legendäre Erkundung des vorrevolutionären Paris liest sich heute überraschend aktuell. Reinhard Kaiser hat das Meisterwerk auf seine brodelnde Essenz hin gekürzt und bewundernswert lässig übersetzt.

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          Gewalttätige Revolten prägen die französische Geschichte. Das hat auch damit zu tun, dass man in Frankreich seine Unzufriedenheit heute weniger durch institutionalisierte Kanäle ausdrücken kann als in Deutschland. Durch das föderale Prinzip bekommen die deutschen Bürger viel schneller politische Lösungen für ihre Probleme geboten.

          In Frankreich hat das Parlament weniger Macht, und so herrscht der Präsident manchmal wie ein Souverän. Das ist auch der Grund für das aktuelle Macron-Bashing. Anders gesagt: Man muss erst nach Paris gehen und dort die Revolution machen, um etwas zu erreichen.

          1767 fasst der Romancier und selbsternannte Pornograph Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne einen Entschluss. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird er in „tausendundeiner Nacht“ beobachtet haben, „was in den Straßen der Hauptstadt vor sich geht“. Er wird sich ausschließlich ihrer dunklen Seite zugewendet haben, Hunderte von Spaziergängen durch das vorrevolutionäre und schließlich revolutionäre Paris unternehmen und davon Zeugnis ablegen.Nicht in einer philosophischen Abhandlung, sondern in einem riesigen Reportagewerk, das jetzt in einer bewundernswert lässigen Übersetzung von Reinhard Kaiser auf die brodelnde Essenz gekürzt erscheint: „Die Nächte von Paris“.

          Der Günter Wallraff des 18. Jahrhundert

          „Unter all unseren Literaten bin ich vielleicht der Einzige, der das Volk kennt, denn ich mische mich ständig unter die Leute“, schreibt Rétif mit dem revolutionären Elan eines Bauernsohns aus der Bourgogne. Er will der Posten sein, der über die geordneten Verhältnisse wacht. „Ich bin bis zu den untersten Klassen hinabgestiegen, um alle Missstände dort mit eigenen Augen zu sehen.“

          Rétif de la Bretonne: „Die Nächte von Paris“.
          Rétif de la Bretonne: „Die Nächte von Paris“. : Bild: Galiani

          Die Literaturwelt hat Rétif de la Bretonne vor allem als Reformer der Prostitution wahrgenommen (er plante Staatsbordelle) und als Erfinder des Schuhfetischismus (später als Rétifismus in die Psychologiegeschichte eingegangen). Immerhin schlug die Kunde vom frechen Franzosen durch zu Schiller und Goethe nach Jena, die sich entzückt zeigten.

          Rétifs ebenfalls von Reinhard Kaiser übersetzte Autobiographie „Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz“ legte zuletzt Zeugnis vom bewegten Leben des Erotomanen mit frühsozialistischem Ideenwerk ab. Dabei war der gelernte Drucker mehr als das. Seine Zeitgenossen nannten ihn neben „Voltaire der Kammerzofen“ auch den „Rousseau der Gosse“. Man könnte hinzufügen: Er war der Günter Wallraff des achtzehnten Jahrhunderts. Wäre er heute noch am Leben, würde er sich als kritischer Sympathisant unter die Gelbwesten mischen.

          Vitales Mängelexemplar

          In nächtlichen Spaziergängen dokumentierte Rétif das Elend der kleinen Leute – der Handwerker, der Kneipenbesitzer, der Krämer, der Wäscherinnen, aber auch der Lumpensammlerinnen und leichten Mädchen. Und er erzählte vom Zynismus der Reichen, deren Lebensstil in brüchigen Zeiten nicht anders als dekadent zu nennen war. Einmal berichten ihm zwei Dienstboten: „Wir kaufen jedes Jahr so viel ein, dass man drei Häuser von der Größe des unseren damit versorgen könnte, aber jedes Mal verderben zwei Drittel.“

          Angesichts des grassierenden Hungers ist das ein Skandal im Paris jener Tage! „Es müsste ein Gesetz geben, das es den Stadtbewohnern verbietet, Vorräte anzulegen – unter Androhung einer Geldstrafe, die sich auf das Zehnfache des Wertes dieser Vorräte beläuft.“ Der politisierte Küchenmeister beendet seine Tirade mit einem Satz, der zum Leitmotiv der Revolution werden sollte: „Wo steckt sie bloß, die glückliche, süße Gleichheit unter den Menschen?“

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