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„Die Nächte von Paris“ : Wo steckt sie bloß, die glückliche, süße Gleichheit?

  • -Aktualisiert am
Nicolas Rétif de la Bretonne
Nicolas Rétif de la Bretonne : Bild: Verlag Galiani-Berlin

Rétif prangert alles an, was schief- läuft im vorrevolutionären Paris. „Ich werde nicht aufhören zu fordern, dass man mehr solcher Leitungen anlegt“, empört er sich über die fehlenden Dachrinnen. „Und dass man den Müll nicht in den Fluss kippt, sondern ihn aufs Land hinausschafft. Und dass man kein Stroh mehr verbrennt. Und dass die Straßen sauberer werden. Und dass die Stadt Straßenfeger einstellt. Und dass man nicht in sämtlichen Gemüsegärten rund um die Stadt sinnlose Neubauten errichtet und dass man die Anzahl der Mietkarossen, aber auch der Privatkarossen verringert.“

Die Stadt Paris erscheint bei Rétif als vitales Mängelexemplar. Vor allem die Ungleichheit macht diese „sinnenfroheste Stadt der ganzen Welt“ zu einer Stolperfalle für Flaneure. Die Revolution steht vor der Tür. Rétif erlebt das plötzliche Umkippen von allgemeiner Unzufriedenheit in sadistische Gewalt hautnah. Der Adel versucht hysterisch auf den König einzuwirken, der sich in Versailles verschanzt hält. Gleichzeitig marschieren mutige Marktfrauen von Paris aus vor die Tore des königlichen Anwesens.

„Man glaube nicht, ich wollte die Tyrannen, die Unterdrücker beklagen!“

Den Sturm auf die Bastille erlebt Rétif aus der Perspektive eines Sympathisanten, der nach und nach vom Glauben abfällt: „Gegen halb vier verlasse ich mit noch schwerem Kopf das Haus und wanke wie ein Betrunkener über den Pont Notre-Dame. Das blendende Licht unter dem wolkenlosen Himmel machte mich mit der Zeit immer wacher. Ich atmete frei, als ich vor mir eine wild bewegte Menschenmenge erblickte. Überrascht war ich nicht. Ich nähere mich, und ... O, was für ein schauerlicher Anblick! Zwei Köpfe – auf Piken gespießt!“ Bei der Beinah-Lynchung eines unschuldigen Passanten schreibt Rétif später schon fast abgestumpft: „Die Masse fällt – aus Menschlichkeit – in ihre Brutalität zurück und will den jungen Mann hängen.“

Alle Themen, die den politischen Diskurs in Frankreich seit der Aufklärung prägen und die bis in die revolutionäre Selbstinszenierung der Gelbwesten reichen, werden in diesem engagierten Buch zum Fanal. Die Französische Revolution brach bekanntlich aus wegen der hohen Brotpreise. Die Gewalteskalationen der „Gilets Jaunes“ entzündeten sich knapp zweihundertdreißig Jahre später an einer Kraftstoffsteuer. Der Protest aus der „France Profonde“ gegen Paris hat eine lange Tradition, von der diese literarische Wiederentdeckung Zeugnis ablegt.

Ob er sich gegen die demokratischen Eliten richtet oder gegen weltfremde Aristokraten in ihrer Filterblase. Rétif de la Bretonne zu lesen stellt allgemeingültige Zusammenhänge zwischen Traditionsverlust, politischer Ohnmacht und Frustration her, zu denen dieses Buch die reine Anschauung liefert. Vor allem, wenn Frankreich heute einen politischen Reformkurs verteidigen muss, der zwischen extrem linken und extrem rechten Demokratieverächtern feststeckt.

Nachdem er voller Abscheu beobachtet hat, wie Finanzminister Foullon gelyncht wurde, lässt Rétif seinem Bericht eine ernsthafte Mahnung folgen: „Man glaube nicht, ich wollte die Tyrannen, die Unterdrücker beklagen! Dieser Gedanke liegt mir völlig fern! Wohl aber beklage ich den Menschen! Und nichts Menschliches ist mir fremd! Ich zeichne euch diese schaurigen Bilder noch einmal auf, liebe Mitbürger, um euch vor der Zukunft und den teuflischen Aufwieglern zu warnen!“

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