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Renate Wagner: Der Störenfried : Etwas Verzweiflung, Jammer, Wahnsinn

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Viele kennen seine Theaterstücke, wenige ihn selbst: Johann Nepomuk Nestroy. Bild: dpa

Ein Störenfried: Renate Wagner schildert das bewegte Leben des großen österreichischen Komödianten und abgründigen Spötters Johann Nestroy.

          So bekannt seine Theaterstücke, so unbekannt ihr Verfasser: Zwar stehen die wienerisch grundierten Komödien wie „Der böse Geist Lumpazivagabundus“, „Einen Jux will er sich machen“, „Der Zerrissene“, „Das Mädl aus der Vorstadt“, „Zu ebener Erde und erster Stock“ oder „Häuptling Abendwind“ als unverwüstliche Publikumsmagneten oft auf den Spielplänen, aber von Johann Nepomuk Nestroy weiß man bis heute herzlich wenig. Den einen gilt er als altösterreichisches, satirisch-galliges Original, den anderen als Vorläufer der kauzig-grotesken Komik eines Karl Valentin oder - in der desillusionierten, schwarzhumorigen Haltung gegenüber den Absurditäten der Welt - eines Helmut Qualtinger, wenn er über das Dasein im allgemeinen urteilt: „Etwas Verzweiflung, a bissel Jammer, a wenig Wahnsinn - und am Schluss - mein Gott, sterben müssen wir ja alle - der Tod!“ Dem erlag er vor hundertfünfzig Jahren, am 25. Mai 1862 in Graz, wohin sich Nestroy quasi aufs Altenteil zurückgezogen hatte.

          „Es gibt viele Löcher in seiner Biografie“, schreibt Renate Wagner, der es nun in ihrem Buch „Der Störenfried. Johann Nestroy - ein Theaterleben“ gelingt, diese so weit als möglich zu stopfen. Kein leichtes Unterfangen, sind doch kaum Dokumente erhalten, darunter etwa nur ein Brief von ihm an seine langjährige Gefährtin, mit der er zwei Kinder hatte. Insofern benutzt die Theaterwissenschaftlerin und Kulturjournalistin, die bereits ein umfangreiches Nestroy-Lexikon vorlegte, seine Werkliste als Chronik des Lebenslaufs. Dieses Verfahren ist freilich nicht bloß der Not geschuldet, denn über Nestroy kann man wirklich sagen, dass er immer spielte - wenn er nicht gerade ein neues Stück schrieb, in dem er natürlich selbst auftrat, wie er es, abgesehen von dreien, bei insgesamt rund siebzig Werken kontinuierlich tat. Dabei interessierte sich der 1801 in Wien geborene Sohn eines kleinbürgerlichen Gerichtsadvokaten ursprünglich für Musik, wurde Sänger und reüssierte in den großen Opernpartien des Bass- und Baritonfachs. 1825 wandte er sich indes - zuerst in Brünn - überwiegend der Schauspielerei zu. Schon damals geriet der unbotmäßige „Störenfried“ mit den Zensurbehörden in Konflikt, weil er es sich nicht nehmen ließ, bei seinen Auftritten zu extemporieren und jenseits der Vorlage tagesaktuelle Kritik einzufügen.

          Frauenaffären und Glücksspiel

          Derlei offene Meinungsäußerungen waren in der vom „System Metternich“ geprägten Vormärz-Monarchie gesetzlich verboten, weshalb Nestroy ins Gefängnis kam, aber für die Proben und Abendvorstellungen jeweils wieder freigelassen wurde. Von 1831 an lebte er fast bis zu seinem Tod in Wien. Hier wurde er zum vor Flops nicht gefeiten Zuschauerliebling, stand nahezu jeden Abend auf der Bühne und beflügelte, ja modernisierte mit seinen Parodien, Quodlibets, Zauberspielen, Lokalpossen und Volksstücken das Genre der Wiener Komödie. Dass einiges aus seiner Fließbandproduktion, die er sich auf Drängen des für seine Knebelverträge berüchtigten Intendanten Karl Carl häufig unter enormem Zeitdruck und Stress abverlangte, über das Niveau von schnell vergessenen Amüsements hinausgelangte, spricht für den Dramatiker.

          Der betrachtete sich trotzdem stets vor allem als Erfüllungsgehilfen des Theaterbetriebs, in dem es seine Aufgabe sei, dass die Geschäfte florieren: „Bis zum Lorbeerbaum versteig’ ich mich nicht. G’fallen sollen meine Sachen, unterhalten, lachen sollen d’Leut, und mir soll die G’schicht a Geld tragen, dass ich auch lach’, das ist der ganze Zweck“. Was Nestroy einmal eine seiner Figuren sagen lässt, klingt, als wäre es sein eigenes poetisches Programm. Theater als Kunstform war weder seine Sache noch die des Vorstadtpublikums, unter das sich mitunter durchaus Angehörige höherer Schichten mischten. Zur Premiere von „Häuptling Abendwind“ erschien 1862 sogar Kaiser Franz Joseph. Vielleicht auch als Entschädigung für sein eisernes berufliches Funktionieren gestattete sich der Privatmann Nestroy allerlei Freiheiten, hatte bis ins Alter unzählige Frauenaffären und verspielte nicht wenig Geld.

          Sprachliche Schlamperei

          Renate Wagner folgt ihm gründlich und detailliert durch Höhen und Tiefen von Stück zu Stück und unterstreicht stets die sozialkritische Unbestechlichkeit Nestroys, der von den Menschen und ihrem Gebaren zu viel weiß, als dass er sich auf sie verlassen möchte. Die vier chronologisch geordneten Hauptabschnitte des Buches sind in zahlreiche, eher kurze Kapitel aufgeteilt, die sich meist gut, manchmal jedoch ziemlich trocken lesen. Neben den Anmerkungen zu den Werken wird höchst informativ überdies das jeweilige historische Umfeld von den Produktionsbedingungen über die Sehgewohnheiten der Besucher bis zu ästhetischen Konventionen aufbereitet.

          Besonders erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, in welchem Schweinsgalopp die Originale von anderen Literaten oder Komponisten, selbst von Hebbel, Wagner oder Meyerbeer, auf das simple Handlungsgerüst reduziert und als Parodien, Kopien, Bearbeitungen inszeniert wurden - vor Einführung des Urheberrechts natürlich. Irritierend ist in Renate Wagners verdienstvoller Biografie allerdings etliche sprachliche Schlamperei, ob von „Geschichte, wo“ die Rede ist, ob müßige Spekulationen - „Was wäre gewesen, wenn...“ angestellt werden oder Sätze wie dieser durchgehen: „und das Wiener Großstadtpublikum braucht sich, wenn es nicht will, nicht betroffen fühlen“.

          Alles in allem freilich ist „Der Störenfried“ eine solide wie anregende Grundlage, um sich neu mit Johann Nestroy zu beschäftigen - abseits einer im Lauf der Jahre ausgebreiteten Rezeption, die ihn zumal mit Klamotte, Sentimentalität und nostalgisch - monarchistischem Wienertum verbindet. So gibt Renate Wagners Buch außerdem einen schönen Impuls, um die Stücke dieses abgründigen Spötters und hellsichtig-bitteren Menschenfreundes neu begriffen, interpretiert und eingekleidet auf die Bühne zu bringen.

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