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Roman „Enteignung“ : Und sagten kein einziges Wort

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Reinhard Kaiser-Mühlecker Bild: Helmut Fricke

Ausharren, bis alle Leidenschaft erloschen ist: Reinhard Kaiser-Mühleckers lakonischer Roman „Enteignung“ schickt einen antriebslosen Journalisten ins ländliche Nichts.

          3 Min.

          Am Anfang steht die Langeweile. Nicht jene, die aus einer öden Situation heraus erwächst, sondern die ungleich brutalere, die mit einem Gefühl von Leere, Sinnarmut und existenziellem Überdruss einhergeht. Der Leidtragende heißt Jan und ist nach Jahren auf Reisen in das Örtchen seiner Kindheit zurückgekehrt, wo er erwartungslos zu warten scheint. Worauf? Das bleibt offen. Eine seiner Befürchtungen verrät er allerdings gleich zu Beginn: „dass mir die Leichtigkeit, dass kaum etwas mich wirklich beschweren konnte, abhanden kam“. So ist es nur ein kleiner Schritt zur Eigendiagnose: Melancholie.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Früher hat Jan die Politikressorts großer Tageszeitungen mit Artikeln beliefert, heute verfasst er Glossen für das lokale Provinzblatt. Seine Lustlosigkeit an der Arbeit hat nichts mit Nietzsches „Windstille der Seele“ zu tun, einer Art Inkubationszeit geistreicher Leistungen. Vielmehr sind Jans Kreativitätsspeicher restlos geleert. Wie sieht da der Schreibprozess aus? Bier trinken, in zehn Minuten einen Text über die „segensreiche Erfindung des Kühlschranks“ herunterdiktieren, den Blättern beim Rauschen zuhören. Das Gegenteil von Journalismus am Limit.

          Mit Jan hat sich Reinhard Kaiser-Mühlecker einen Protagonisten ausgedacht, der wie manch anderer seiner Helden im Unbestimmten festsitzt, schwer greifbar ist, weggetreten wirkt. Was Jan auch tut, es erscheint wie eine Übersprunghandlung; was er auch sagt, es mutet beliebig und austauschbar an. Selbst die Welt der Dinge ist in „Enteignung“, so der Titel dieses siebten Romans von Kaiser-Mühlecker, entrückt und aus dem Jetzt gefallen: „Das Geräusch, welches die Klimaanlage machte, schien von sehr weit weg zu kommen.“ Fortwährend hat der Leser das Gefühl, das Geschehen aus großer Distanz zu verfolgen. Schärfe entsteht hier durch atmosphärische Schwingungen, nicht durch klare Verhältnisse und Detailversessenheit.

          Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Enteignung“

          Das passt zu Jans Hobby. Regelmäßig ist er mit dem Sportflieger unterwegs und entfernt sich auf diese Weise auch ganz konkret vom Dorfalltag. Manchmal flirtet er mit einer Kellnerin, hin und wieder geht er schwimmen, zuweilen telefoniert er mit Bekannten. Alles ohne Antrieb und Engagement. Dann beginnt er eine Affäre mit Ines, deren Attraktion in dem Moment verpufft, da Jan erfährt, dass sie eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern ist. Peinlicherweise ist sein Interesse an ihr jedoch sofort wieder geweckt, als er herausfindet, dass sie sich inzwischen mit einem Landwirt trifft. Er heißt Flor und ist für Jan ein erbärmlicher Einfaltspinsel.

          Anstatt die Sache auf sich beruhen zu lassen, heuert Jan bei Flor auf dem Hof als Hilfskraft an, verfällt dessen Frau Hemma, kommt aber zugleich nicht von Ines los. Dabei beteuert er, sich noch nie verliebt zu haben. Die Situation der vier Figuren ließe sich mit Erich Kästner wie folgt zusammenfassen: „Sie waren traurig, betrugen sich heiter.“ Und schweigen sich aus: „Ich sagte nichts darauf“, „es fiel kein Wort, obwohl ich darauf wartete, dass sie etwas fragte“, „wir sprachen ohnehin kaum“, „bis dahin hatte ich nicht den Eindruck, dass er mein Reden überhaupt besonders beachtet hätte, und meinte, er würde auch mein Verstummen nicht registrieren“. Dass die Sprachlosigkeit ein wichtiges Motiv für den 1982 geborenen Österreicher ist, hat er schon 2012 im Roman „Roter Flieder“ gezeigt. Sobald der gesprochene Selbstausdruck scheitert, regieren die Gesten, Blicke, Leerstellen. Dann muss der Leser die Figuren nicht mehr beim Wort, sondern beim Verhalten nehmen, was sein Sensorium für Zwischentöne verfeinert.

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          Insofern ist es nur konsequent, dass Kaiser-Mühlecker keine Hochglanzprosa mit gewundenen Formulierungen und hintersinnigen Sentenzen abliefert. Seine Sätze sind häufig von konventioneller Schlichtheit: „Ich warf einen Blick auf mein Telefon: keine Anrufe, keine Nachrichten; ich steckte es wieder weg.“ Sogar die Leidenschaft kleidet der Autor ins Gewand der Lakonie: „,Willst du, dass es aufhört?‘, fragte sie und berührte kaum merklich mit den Lippen meine Finger. ,Nein‘, sagte ich rasch . . . ,Ich auch nicht.‘“ Oftmals bleiben Erklärungen für emotionale Ausnahmezustände im Dunkeln, und es herrscht ein einziges „Je ne sais quoi“: „Was immer es war, das uns gegenseitig so anzog, es ließ nicht nach; wir wurden einander nicht müde; immer unvorstellbarer wurde es mir, je wieder von ihr zu lassen.“ Kaiser-Mühleckers Fähigkeit, genau zu beobachten und Krisen wie Romanzen aufs äußerste zuzuspitzen, macht selbst aus unscheinbaren, sprachlich fast belanglosen Passagen kleine Preziosen.

          Einen Aspekt des Dramas, von dem der Roman handelt, verrät der Titel. Die Gemeinde nimmt Flor seinen Hof weg, weil auf dem Grundstück ein Windpark gebaut werden soll. Da es für ihn ums Ganze geht, sind er und seine Frau das pulsierende Kraftzentrum des Plots. Für Jan hingegen steht nie besonders viel auf dem Spiel. Sein Beruf ist genauso austauschbar wie sein Wagen und seine Liebschaften. Warum er Journalist geworden ist, kann er nicht beantworten, es hatte sich so ergeben. Das verträgt sich vorzüglich mit seiner Arbeitsweise, die er in einem Offenbarungseid beschreibt, der aktueller kaum sein könnte: „Um etwas zu verdienen, schrieb ich in der Zwischenzeit einige mir leicht von der Hand gehende Reportagen, die so allgemein wie möglich gehalten waren, Erinnerungen an meine letzten, inzwischen Jahre zurückliegenden Reisen, gemischt und angereichert mit Gelesenem, Gehörtem und Erfundenem.“ Vielleicht wäre aus Jan, dem trüben Journalisten, ein guter Autor geworden. Zum Glück ist Reinhard Kaiser-Mühlecker, der großartige Autor, kein Journalist.

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