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Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden : Ich bin die Lüge in euren Ängsten

  • -Aktualisiert am

Bild: Carl Hanser Verlag

In Reinhard Jirgls kosmischer Phantasmagorie kulminieren alle Kriege der Geschichte. Es ist eine Abrechnung mit dem Menschengeschlecht und eine Liebeserklärung an das Paralleluniversum der Bibliothek.

          Es wäre einfach, sich über dieses Buch lustig zu machen, über seine Exuberanz in stilistischer wie inhaltlicher Hinsicht, über das Titanische und Bürokratische des Zukunftsentwurfs sowie über das noch Titanischere und Bürokratischere der alles niederstreckenden Apokalypse, planvoll vorangetrieben nämlich von einer maliziösen intellektuellen Spezies: den sich selbst schreibenden Büchern, über die ultimative Steigerung menschlicher Grausamkeit bis hin zum massenhaften Verspeisen von lebendigen Kleinkindern in Mars-Restaurants („Das-Ernährungsproblem, die-Überbevölkerung, die-Armut - alle =auf -1-Streich !gelöst“), über den schon ins Kitschige einer Antitheologie hinüberragenden Zentralsatz, der Todestrieb sei die höchstentwickelte Form der Liebe: „Denn !Dies ist das-Eigentliche, das dem-Menschen=von-Jeher überhaupt einen Sinn hat geben können.“

          Es wäre ein Befreiungsschlag, denn diesmal geht Reinhard Jirgl, der uns in seinen bisherigen, meist die deutsche Geschichte nachschmeckenden Büchern viel zugemutet hat, bis an die Grenze der Phantasie und der Lesbarkeit. Vielleicht wäre es unterbewusst sogar ein verständliches Revoltieren gegen den bereits im Titel anklingenden Schuldspruch des Jüngsten Jirglschen Gerichts, denn nicht weniger als eine Abrechnung mit der kosmischen Plage Mensch haben wir vor uns: „Äußerste Liebe des-Menschen ist Liebe zur Menschlosigkeit.“ Moralisch kann man das nicht nennen, denn es fehlt der Appell. Der Pessimismus, für den der Autor bekannt ist, hat sich weiter verdunkelt. Und doch wartet hinter der Schwärze ein neuer, menschenloser Tag: Moral also doch, aber ex negativo.

          Überwältigungscharakter und Detailreichtum

          Weder mit Star-Wars-Retro-Chic noch mit futuristischem Technizismus hält sich Jirgl lange auf, so wissenschaftlich der im fünfundzwanzigsten Jahrhundert spielende Roman an vielen Stellen wirkt. Im Zentrum steht die Conditio humana, der Leib-Seele-Dualismus, der hier zu einem Endkampf stilisiert wird, in dem alle Kriege der Geschichte kulminieren und den zuletzt der Geist gewinnt. So hat dieses spekulative Eposmassiv voller Pathos und narrativer Virtuosität im Kern etwas Ungeschütztes, rührt verstörend in der Ursuppe der Existenz. Wer macht so etwas heute noch? Zudem mag die Lektüre Wochen dauern. Auch wenn der Autor erstmals einige Passagen in Normaldeutsch verfasst hat, so ist doch der größte Teil der fünfhundert Seiten in der typischen, affektive Obertöne der Sprache sichtbar machenden Jirgl-Orthographie verfasst, die nur entzifferbar ist, indem man die Worte innerlich laut vor sich hersagt. Nach zwei Seiten fühlt man sich durchgewalkt wie nach zwei Wochen Raumstation bei Wasser und Kunstbrot.

          Wer jedoch diese Mühen scheut oder sich von einigen Entbergungen an der Kalauergrenze abschrecken lässt, dem entgeht eine der großartigsten Phantasmagorien der jüngeren deutschen Literatur, und zwar großartig nicht trotz, sondern wegen ihres Überwältigungscharakters und Detailreichtums: Einer der Genesis auf Augenhöhe entgegengeschriebenen Kosmos-Vision ist der hohe Stil mehr als angemessen. Und man dürfte lange suchen, bis man einen zweiten Autor von solcher Sprachgewalt findet. Das geben selbst jene - weniger werdenden - Verächter des Büchner-Preisträgers zu, denen Jirgls betörender Stil zu gestelzt, zu wenig modisch cool erscheint.

          Jirglscher Zynismus

          Schon der Prolog, eine donnernde Abrechnung mit des Menschen Gier und Angst, derer sich Savonarola nicht schämen müsste, lässt erahnen, dass im Folgenden die Beschreibung von Welten, Ideen und Umwälzungen wichtiger sein wird als die eigentliche Handlung, die dem Weg einer erwählten Hauptfigur folgt. Die im Vorwort angedeuteten Geschehnisse zwischen unserer Zeit und der des Romans werden in immer neuen Anläufen eingekreist: Die großen Energiekriege begannen im zweiundzwanzigsten Jahrhundert. Es folgten die Kolonisierung von Mond und Mars. Nach diesem Auszug der „Tat=Menschen“ kam die erschöpfte Erde endlich zur Ruhe. Dafür verantwortlich war ein Unfall, denn anfangs hatte man problematische Subjekte zum Mond geschafft, um sie dort genetisch zu manipulieren. Das Pazifizierungsgen aber brach aus und sprang auf die Erde über, ließ eine höfliche und geldlose, aber gegängelte Gesellschaft entstehen, eine Art Meta-DDR. Der Preis für den neuen Frieden war die Erschlaffung aller Triebe, zumal des Sex- und des Expansionstriebs. Man lebte seither in isolierten Weltteilen, künstliche Himmel suggerierten einen ewigen Sommerabend. Die Verfassung der europäischen Regierung, „Haus der Sorge“ genannt, klingt beinahe ideal fürsorglich: Die Obrigkeit beschränkt sich fernab aller Geschäftsinteressen auf territorialen und ökonomischen Schutz der Bürger, deren Freiheit als höchstes Gut gilt.

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