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Reiner Stachs Kafka-Biographie : Das Leben des Buchs beginnt mit dem Tod des Autors

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Endlich: Reiner Stach hat den dritten Band seiner Kafka-Biographie veröffentlicht - über die frühen Jahre des Schriftstellers Bild: dpa

Dieses ist der dritte Streich: Reiner Stach schließt nach achtzehnjähriger Arbeit seine große Kafka-Biographie ab. Entstanden ist ein Werk, das auf ein seltenes Prinzip setzt: die zärtliche Langsamkeit.

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          Forschungsprozesse verlaufen in der Regel unabhängig von Darstellungszusammenhängen. Sie gehen ihnen voraus, und die sprachliche Ausbreitung des Stoffes erfolgt in größerer konstruktiver Freiheit, nachdem man sich mit den Phänomenen, Zeugnissen, Dokumenten vertraut gemacht hat. Aber es gibt Ausnahmen. Der dritte Band von Reiner Stachs Kafka-Biographie ist eine.

          Warum der chronologisch erste Band der Biographie - er beschreibt die Jahre von 1883 bis 1911 - zuletzt erscheint, hat verständliche forschungslogische Gründe. Stach hoffte lange Zeit, er könnte für die Frühzeit Gebrauch von Max Brods Tagebüchern und Notizen machen, die ihm zu Beginn seiner Arbeit noch nicht zugänglich waren. Der bis heute anhaltende Streit um das Brodsche Erbe machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung. Die Dokumente liegen nach wie vor mehr oder weniger unzugänglich in einem Zürcher Banksafe, und obschon Stach bei einigen Details auf Fotokopien zurückgreifen konnte, ist der abschließende Band jetzt - man muss sagen: endlich - publiziert worden. Ihn noch weiter hinauszuschieben wäre bei der Unsicherheit, die das Schicksal des Brodschen Nachlasses überschattet, nicht mehr begründbar gewesen.

          Kein Korrekturbedarf

          Man kann zudem Zweifel haben, ob die in Zürich verwahrten Materialien für die Biographie Kafkas wirklich so eine große Bedeutung haben wie vermutet. Die wenigen Belege in den Fußnoten, wo Stach auf Brods Notate zurückgreifen konnte, lassen einen da skeptisch werden. Dennoch war es im Sinne der Forschungslogik richtig, so lange wie möglich mit der Publikation zu warten, um sich nicht die Chance entgehen zu lassen, neue Dokumente einzuarbeiten.

          Den chronologisch ersten Band einer biographischen Trilogie zuletzt erscheinen zu lassen bringt Konstruktionsprobleme mit sich. Das größte besteht darin, dass durch den immanenten Gang der Forschung sich die Prämissen, unter denen eine Darstellung antritt, ändern können. Bedenkt man, dass der erste Teil der Trilogie 2002, der zweite 2008 herauskam und Stach im Fortgang seines Schreibens mehr und mehr über Kafka lernte, hätte es sein können, dass auch die Sicht auf die Anfänge (etwa aufs Verhältnis Kafkas zu Vater und Mutter) dem erworbenen Kenntnisstand hätte angepasst werden müssen. Es ist das Kunststück, den ersten und zweiten Stock eines Hauses bereits gebaut zu haben und nun erst das Fundament zu legen. Stach ist es gelungen. Das heißt aber auch: Die Grundeinsichten, die er zu Beginn seiner Arbeit auf den jungen Kafka hatte, haben sich für ihn als so erstaunlich konstant erwiesen, dass der neue Band seiner Biographie nicht zugleich eine Revision der früheren Bände erforderlich machte.

          Imponierende Synthese

          Dem zweiten spezifischen Konstruktionsproblem war schwerer zu begegnen. Bei der Einteilung des Gesamtwerks war eine gleichmäßige Anordnung der Teile anzustreben. Da bei der Anlage des Ganzen damit gerechnet wurde, die Brodschen Nachlassmaterialien einbeziehen zu können, fehlt in dem neuen Band virtuell Stoff. Stach hat auf dieses Problem dadurch reagiert, dass er teilweise über den zu behandelnden Zeitraum hinausgreift und zugleich den historischen Kontexten mehr Platz einräumt, als es bei einem möglichen Rückgriff auf die Brodschen Dokumente der Fall gewesen wäre. Das erklärt etwa, warum sich in diesem Band auch ein Abschnitt zu Freud findet, der sachlich und zeitlich nicht recht hineinpasst. Der häufige Rückgriff auf die Selbstinterpretation Kafkas, die dieser im „Brief an den Vater“ gab, deckt an vielen Stellen unser Unwissen über die frühe Zeit gnädig zu. Gleichwohl hat Stach seine Aufgabe geschickt gelöst und aus der Not das Beste gemacht. Es wirkt in diesem Buch durchaus eine „zärtliche Langsamkeit“.

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