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Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen : Die Schnüffelphilologie wittert überall tickende Lyrikbomben

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Das war die DDR: lethargisch, aber auch lustig, vorausgesetzt, man hatte selbst Humor. Rayk Wieland hat einen verblüffend leichthändigen Roman zum Wendejahr geschrieben und ändert mit ihm die Tonlage eines Gedenkjahres zum Heiter-Unverkrampften hin.

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          Kann man mit Büchern die Welt verändern?“, fragte die „Titanic“ im Herbst 1986. Zu sehen war Ronald Reagan, der „Yes, Sir!“ antwortete und mit einer Schwarte auf den roten Knopf schlug, mit dem man die Atombomben zündete. Dass drei Jahre später mit dem ganzen Ostblock auch die DDR zu Bruch ging, muss aber nicht unbedingt kollektiver Lesewut zugeschrieben werden. Die Ursachenforschung für den Republik-Untergang hat seither gleichermaßen Erinnerungen und literarische Phantasien freigesetzt, die den einen immer noch zu wenig sind – irgendwie wartet man ja immer noch auf den Wenderoman –, den anderen schon zu viel oder aufdringlich, den wieder anderen zu larmoyant oder feierlich.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Einen unerhörten Ton schlägt nun Rayk Wieland an. Sein Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ signalisiert im Titel die frech-sympathische Unbekümmertheit mancher Schlager und hält sich ansonsten an den intelligenten, informierten Humorbegriff des „Titanic“-Umfelds, dem Wieland persönlich auch zuzurechnen ist. Dieser aus Leipzig stammende Autor und Journalist unterzieht das letzte DDR-Jahrzehnt einer Erinnerungsprozedur, die zu dem bräsigen, zuweilen auch wehleidigen Ernst sonstiger Vergangenheitsbewältigung denkbar weiten Abstand hält. Wenn man den Artikel noch im Kopf hat, den Wieland vor zwei Jahren in der Wochenendbeilage der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben hat, dann muss man annehmen, dass die Geschichte des 1965 geborenen, in Ost-Berlin wohnenden W. im Kern wahr und selbst erlebt, weniger durchlitten ist: W. bekommt eines Tages eine Einladung zu einem Symposion „Dichter. Dramen. Diktatur. Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“. Offenbar hält man ihn, der als Schriftsteller bisher nicht hervorgetreten ist, für einen ehemals regimekritischen Autor. Und er erinnert sich: an Briefe, die er jahrelang einer in München lebenden Geliebten schrieb und die voll waren mit Liebesgedichten, die zeigen, dass er seinen Peter Hacks kennt. Die Stasi liest das aber ganz anders und wittert, in Gestalt des Oberleutnants Schnatz, noch in einer Shakespeare- oder Schiller-Anspielung einen Oppositionsgeist, der W. im Grunde abgeht. Wo die ihm attestierte Intelligenz kein Kompliment, sondern eine „Gefahrenbeschreibung“ ist, da dient das Nichtwissen dem sozialen Frieden.

          Spielerischer Umgang mit der Paranoia

          So wird, durch fehlgeleitete Schnüffelphilologie, aus warmherzigen, politisch irrelevanten Äußerungen eine einzige „tickende Lyrikbombe“, auf deren Entschärfung man die Mühe verwendet, die andernorts womöglich mehr geholfen hätte: „Gut möglich, daß dieser Staat, der einen grotesk überschätzten Liedermacher mit Hängeschnauzer sogar ausbürgerte, am Ende durch die obsessive Konzentration seiner Spezialkräfte auf harmlose Hobby-Existentialisten wie mich völlig konfus wurde.“ Diese fast komödiantische Ausgangssituation erlaubt Wieland einen verblüffend spielerischen, aber nie verharmlosenden Umgang mit der aus heutiger Sicht nur noch schwer verständlichen Paranoia eines Landes, das buchstäblich von der Last seiner Stasiakten erdrückt wurde. Die Chiffre „Mauerbau“, immer noch der DDR-Sündenfall, wird hier ins Harmlos-Kauzige gewendet: W. gründet die „Gruppe 61“, die sich eine allgemeine Entschleunigung zur Aufgabe macht.

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