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Rawi Hage: Als ob es kein Morgen gäbe : Russisches Roulette in Beirut

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Dieser Roman ist eine kleine Sensation. Nicht nur hat sein Autor, der 1964 in Beirut geborene Rawi Hage, dafür den höchst angesehenen und hochdotierten IMPAC-Award erhalten, sondern es gelingt ihm, den Leser vom ersten Satz an in den Bann zu schlagen

          Extreme Situationen verlangen womöglich nach einer ebenso radikalen Sprache, die schockiert, wachrüttelt und das Pathos nicht scheut. Sie legitimiert sich in ihrer Dichte und in ihrem Einfallsreichtum durch den Übermut der Jugend, durch die zeitweilige Verliebtheit und die permanente Verzweiflung – und nicht zuletzt durch den allgegenwärtigen Krieg, der in alle Lebensbereiche vordringt. Rawi Hage, 1964 in Beirut geboren, hat in „Als ob es kein Morgen gäbe“ diese Sprache gefunden, und sie schlägt den Leser sofort in ihren Bann. Nicht umsonst wurde sein Debütroman 2008 sogleich mit dem für ein Einzelwerk höchstdotierten Literaturpreis der Welt, dem IMPAC-Award, ausgezeichnet.

          Der Roman spielt in den achtziger Jahren während des Bürgerkriegs im Libanon. Die umkämpfte Hauptstadt an der Levante-Küste ist zwischen den verfeindeten religiösen Lagern aufgeteilt; im christlichen Osten schlägt sich Bassam, der Ich-Erzähler, mit seinem Freund George mehr schlecht als recht durch. Die beiden sind jung, sie stehen auf Mädchen, sie klauen Benzin für Georges Motorrad und planen irgendwann, aus dem Automatenkasino, in dem George arbeitet, Geld abzuzweigen. Denn Bassam will fort, möglichst nach Rom, doch so eine Flucht muss teuer bezahlt werden.

          Derweil hatten zehntausend Bomben die Winde zerschnitten, und eine davon traf einst auch Bassams Elternhaus. Sein Vater starb, aber das in die Wand gesprengte Loch bietet immer noch einen fantastischen Ausblick auf den weiten Himmel, der beständig den Tod bringen kann. Im Gefühlstaumel wird für Bassam der Gefechtslärm gar zur „süßen Kaskade von Bomben“, der angesichts der geliebten Rana zehntausend Küsse entgegengesetzt werden; Eros und Thanatos finden unweigerlich zueinander, die Körper der Liebenden verwandeln sich auf dem Bett metaphorisch in „tanzende Leichen“.

          Derartige Vergleiche und Bilder verbindet Hage, der seine Heimat im Alter von achtzehn Jahren verließ, um nach einem Fotografiestudium in New York 1991 in Montreal den Beruf des Künstlers und Schriftstellers zu ergreifen, durch zahlreiche Anaphern und andere rhetorische Mittel, wodurch er einzelnen Kapiteln einen geradezu atemlosen Rhythmus verleiht. Er hält das Tempo hoch, verliert aber nie seine eigentliche Geschichte aus den Augen. „De Niro’s Game“, wie der Roman im sprachlich noch wesentlich ruppigeren Original heißt, handelt schließlich nicht allein vom Überleben im Krieg und vom Entkommen, er erzählt vor allem von einer seit Kindesbeinen an bestehenden Freundschaft, die durch die mehr als widrigen Umstände auf eine harte Probe gestellt wird. Denn George, der den Spitznamen De Niro trägt und somit das geheime Zentrum des Geschehens darstellt, schließt sich alsbald der christlichen Miliz von Abu-Nahra an; er will nicht raus aus dem Krieg, er will tiefer in ihn hinein, ein Teil davon sein und profitieren von all den korrupten Machenschaften derer, die am brutalen Status quo verdienen. Was für ihn als draufgängerischer Zeitvertreib beginnt, wird rasch blutiger Ernst. Aus dem kleinkriminellen Teenager wird ein kaltblütiger Killer, der alle Fäden in der Hand zu halten scheint, und Bassams Pläne, das Land letztendlich in Richtung Frankreich auf einem Schiff zu verlassen, zunichte machen kann. Und George alias De Niro macht seinem Namen alle Ehre, ob als großtuerischer Gewalttäter, der an Robert De Niros Rolle des Travis Bickle in „Taxi Driver“ gemahnt, oder als selbstzerstörerischer Nihilist, der den russisches Roulette spielenden Vietnam-Veteranen aus Michael Ciminos Leinwandepos „Die durch die Hölle gehen“ bewundert. De Niros Spiel muss zumindest für einen der Mitspieler tödlich enden; nur einer wiederum wird die Hölle Beirut hinter sich lassen können.

          Rawi Hage verdeutlicht die Konsequenzen, die alle Entscheidungen seiner Protagonisten mit sich bringen, unbarmherzig. In existentialistischer Lesart definieren sich George und Bassam, die als komplexe Charaktere nie zu plumpen Identifikationsfiguren werden, durch das, was sie tun; doch jeder anfangs noch so leichtsinnig beschrittene Weg, jeder unscheinbare Verrat einer früheren Unschuld, führt für sie zu immer weniger Abzweigungen, so dass ihr Handlungsspielraum zunehmend begrenzt wird. Wer unter diesen Umständen immer noch an eine selbstbestimmte Zukunft glaubt, muss gewillt sein, auch moralische Grenzen zu überschreiten. Die sich daraus ergebenden dramatischen Ereignisse schildert Hage spannend wie in einem Thriller, angelehnt an die Dramaturgie amerikanischer Actionfilme, die wiederum literarisch gebrochen wird durch seine poetische, jederzeit dringliche und kraftvolle Prosa. Einen bitteren Unterton nie verhehlend, vermittelt sie mehr als die Grausamkeit jener Tage des Bürgerkriegs. Sie findet flammende Worte für Momente der Schönheit, der Trauer oder für die ambivalenten Verlockungen des Erwachsenwerdens. Hoch anzurechnen ist dem Autor zudem, dass er seinen raffiniert gestalteten Plot nicht auf einen Höhepunkt zusteuern lässt. Stattdessen folgt auf den vermeintlichen Showdown zwischen George und Bassam ein neuer Alltag, ohne einander, der mit neuen Anpassungsschwierigkeiten aufwartet. Denn jene Fertigkeiten, die den jungen Männern das Überleben inmitten des Bürgerkrieges erlaubten, eignen sich nicht unbedingt für das reibungslose Dasein im scheinbar geregelten Frieden. Einfache Lösungen hat Hage nicht parat. Nicht nur das macht „Als ob es kein Morgen gäbe“ so lesenswert.

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