https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/raphaela-edelbauers-roman-die-inkommensurablen-18646457.html

Roman von Raphaela Edelbauer : Alle sind ihrer Zeit voraus

Sie kannten sich nicht mehr vor Kampfbegier: Ein Offizier unterweist zu Beginn des Ersten Weltkriegs ein Wiener Scharfschützenkorps im Waffengebrauch. Bild: SZ Photo

Desillusionierung auf allen Ebenen im Wien des Sommers von 1914: Die Fußstapfen, in denen Raphaela Edelbauer mit ihrem Roman „Die Inkommensurablen“ unterwegs ist, sind groß.

          4 Min.

          Dies ist der Roman über den Schlusspunkt hinters überlange neunzehnte Jahrhundert. Die Julikrise geht nicht nur ka­lendarisch dem Ende entgegen: Ra­phaela Edelbauer beginnt ihre Handlung am frühen Morgen des 30. Juli 1914, da ist noch Frieden, und beendet ihn einen Tag später, da ist Krieg. Dazwischen liegen die Irrwege des siebzehnjährigen Hans Ranftler durch ein elektrisiertes Wien. Am 30. Juli lässt der Zar in Russland mobilmachen, um dem mit seinem Land verbündeten Serbien beizuspringen, dem Österreich-Ungarn zwei Tage zuvor den Krieg erklärt hat. Darauf verlangt das mit Österreich verbündete Deutsche Reich in einem auf die Mittagsstunde des Folgetags terminierten Ultimatum von der russischen Regierung, diese Mobilmachung wieder zu­rück­zunehmen. Die denkt gar nicht daran, also erklärt Deutschland Russland nach Ablauf den Krieg. An ihm – Bündnisfall! – ist dann sofort auch Österreich beteiligt. In Wien strömen die Männer genauso be­geistert zu den Meldestellen der Armee wie in Berlin. „Das Ultimatum war verstrichen; die Geschichte ereilte die Menschen.“

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So lakonisch lässt Edelbauer das Fallbeil aufs menschliche Schlachtvieh niedersausen. Und viel mehr Worte macht sie auch gar nicht um die internationale Wetterlage dieser paar Jahrhundert­sommertage. Sie erzählt stattdessen über eine minderjährige Unschuld vom Lande, die mit dem Leben und Lieben in der Metropole konfrontiert wird: Hans, durch den frühen Tod seines Vaters aus bürgerlicher Sorg­losigkeit gefallen, musste jahrelang als Knecht auf einem Tiroler Bauernhof sein Dasein fristen, bis er just in dem Moment, als die große Politik verrückt spielt, sein kleines Schicksal in die eigene Hand nimmt und nach Wien durchbrennt. Einen Tag währt seine Freiheit, dann holt ihn die Ge­schichte ein. Am Ende wird er uns wie Hans Castorp aus den Augen gehen. Aber das braucht Ra­phaela Edelbauer gar nicht mehr zu erzählen. Sie verlässt ihre Haupt­figur, als die vor dem Musterungsbüro ankommt.

          Mit allen literarischen Wassern gewaschen

          Edelbauers Roman „Die Inkommensurablen“ ist mit allen literarischen Wassern gewaschen. Natürlich auch mit de­nen der großen Weltkriegsliteratur. Vorlauf zum Kriege in Wien? Dafür steht in den Literaturgeschichtsbüchern der Kolosstorso des „Manns ohne Eigenschaften“, der ein Jahr vor „Die Inkommensurablen“ einsetzt, aber eine ähnlich somnambul arglose Gesellschaft vorstellt. Und ja: Das durch Christopher Clarke geprägte Bild der „Schlafwandler“ für die in den Krieg taumelnden Europäer des Jahres 1914 fällt bei Edelbauer einmal sogar explizit.

          Raphaela Edelbauer
          Raphaela Edelbauer : Bild: Apollonia Bitzan

          Sie nimmt es auch insofern wörtlich, als zwei weitere Figuren des Romans – die miteinander befreundeten Klara Nemec und Adam Graf Jesensky von Vezmarck, die den ein paar Jahre jüngeren Hans unter ihre Fittiche nehmen – Teil eines von der Psychoanalytikerin Helene Cheresch aufgespürten Clusters junger Menschen (angeblich zehntausend) sind, die Nacht für Nacht dasselbe träumen: von einem verwunschenen Dorf. In das schließlich auch Hans im Schlaf gelangt. Träumerisch ist vieles in der Anlage der „In­kommensurablen“, und das be­schwört unweigerlich den Vergleich mit einem weitereren Zentralmas­siv des literarischen Wiener Vorkriegsgesellschafts­porträts herauf: der „Traumnovelle“.

          In den Fußstapfen von Musil und Schnitzler

          Mann, Musil, Clarke, Schnitzler – die Fußstapfen, in denen Edelbauer unterwegs ist, sind groß. Sie beschreitet diesen Pfad indes selbst schlafwandlerisch sicher, insofern sie sich zwar zeitthematisch, aber nicht formal oder inhaltlich mit den Vorläufern misst. Edelbauer, Jahrgang 1990, benutzt für ihren Historienroman auch keine historisierende Sprache, sondern eine „gewählte“: Sie schreibt in einem Duktus an, der zeitenthoben wirkt durch Eleganz und Wort­variationen, und so löst sie das Geschehen immer wieder aus seinem zeitgeschichtlichen Rahmen und bringt uns die Akteure als durchaus gegenwärtige nahe. Die Verunsicherungen der drei jungen Leute im Zentrum des Romans sind all­gemeingültig noch heute. Und das liegt nicht daran, dass gerade wieder Krieg in Europa geführt wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Lage in der Ukraine : Kiew kündigt Russland einen „Drohnenschwarm“ an

          Dem Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats der Ukraine zufolge seien tausende „Drohnen mit einer Reichweite von bis zu 3000 Kilometern“ vorhanden. Derweil gesteht die ukrainische Militärführung einen russischen Teilerfolg in den Kämpfen um Bachmut im Osten des Landes ein. Der Überblick.
          König Charles III. und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim feierlichen Empfang vorm Brandenburger Tor 10:01

          F.A.Z. Frühdenker : Charles spricht als erster Monarch im Bundestag

          König Charles III. hält eine Rede im Bundestag, die Zahl der minderjährigen Straftäter in Deutschland ist gestiegen und bei den Immobilienpreisen vergrößert sich die Kluft zwischen Stadt und Land. Der F.A.Z. Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.