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Raoul Schrott „Erste Erde“ : Doch wie von solchen Dingen singen?

Ein epischer Ort: Die Erde, aufgenommen von dem Astronaut Reid Wiseman am 2. September 2014 von der Internationalen Raumstation aus. Bild: NASA

Wer erzählt uns davon, wie die Erde entstand und das irdische Leben? Raoul Schrott erkundet die epische Dimension der Naturgeschichte.

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          Zwölf Jahre bevor der britische Physiker und Literat C. P. Snow in seiner Abhandlung von den „Zwei Kulturen“ den Graben zwischen geistes- und naturwissenschaftlich Gebildeten beklagte, ließ Thomas Mann seinen „Doktor Faustus“ durch die Figur des Serenus Zeitblom erzählen. Der ist zu Hause in der „Sphäre des Sprachlich-Humanen“. Der Natur und ihrer Erforschung dagegen steht er mit einer „bis an Abneigung grenzenden Interessenlosigkeit“ gegenüber.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Raoul Schrott könnte man eigentlich auch irgendwo auf Zeitbloms Stern vermuten. Gelernter Deutschlehrer ist er, habilitierter Komparatist, Erzähler, Lyriker und bekannt nicht zuletzt durch seine furiosen und nicht immer unumstrittenen Nachdichtungen antiker Literatur: altägyptischer Liebesgedichte etwa, des „Gilgamesch“ und schließlich Homers „Ilias“, des Prototyps alles Epischen.

          Dies ist kein gereimtes Sachbuch

          Nun hat Schrott selbst etwas vorgelegt, das er schon im Titel ein Epos nennt. Doch was er dort auf fast 700 Seiten ausbreitet, sind keine Kämpfe von Helden, sondern es ist die Geschichte der Natur: vom Urknall und der Entstehung der Erde über die biologische Evolution bis zum Erwachen des Humanen - aber noch nicht des Sprachlichen - in der Altsteinzeit. Dabei legt dieser Sprachmensch ein großes Interesse für die Ergebnisse der Naturforschung an den Tag. Serenus Zeitblom hätte es gegraust.

          Oder vielleicht auch nicht. Denn was Raoul Schrott vorlegt, ist alles andere als eine gereimte Kompilation einschlägiger Sachbuch-Schmöker von Stephen Hawking bis Richard Dawkins. Was nicht heißt, dass Schrott sich nicht hinreichend mit seinem Sujet vertraut gemacht hätte - er ist hier meist auf dem aktuellen Stand der Forschung. Fehler oder Missverständnisse sind die Ausnahme, und nur selten präsentiert er etwas als gesicherte Erkenntnis, was in der Fachwelt umstritten ist. Gleichzeitig handelt es sich nur passagenweise um Naturlyrik höherer Ordnung, bei der Schrott die Früchte seiner populärwissenschaftlichen Lektüre über Planetenentstehung oder DNA-Helix dichterisch umsetzt wie einst Eichendorff das Erlebnis einer Mondnacht. Das allein wäre noch kein Epos.

          Die Wissenschaft soll vom Großen Ganzen erzählen

          Darum aber gerade geht es Schrott, um die epische Dimension der modernen Naturerkenntnis. Physik, Geologie oder Biologie haben eine ungeheure Fülle von Erkenntnissen darüber zusammengetragen, was sich frühere Zeiten nur außernatürlich erklären konnten: als göttliches Handeln mit nicht selten leidvollen Folgen für die Menschen. Diese Erzählungen leisteten einst eine Einbettung des Einzelnen oder der Gruppe in das große Ganze, sind aber irgendwann unglaubwürdig geworden, nicht zuletzt durch den Siegeszug der Naturwissenschaft. Aber dafür, glaubt Schrott, ist die Naturwissenschaft heute selbst in der Lage, vom großen Ganzen zu erzählen.

          Wie aber solches Erzählen zu den Menschen bringen, wie sie im Erzählten einbetten? Es sind am Ende selbst nur menschliche Erzählungen, auch wenn sie sich in mathematisches und anderes Formelwerk kleiden. „ob götternamen oder chemische elemente: / es bleibt dasselbe griechisch“, heißt es da: „doch wie von solchen dingen singen?“

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