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Ralph Hammerthaler: Der Sturz des Friedrich Voss : Irgendwie klarkommen

  • -Aktualisiert am

Bild: DuMont

Zu entdecken ist nicht nur ein Wende-, vielmehr sogar ein Nachwenderoman, der in der Gegenwart längst nicht aufhört: Ralph Hammerthalers „Sturz des Friedrich Voss“.

          3 Min.

          Als Jana Hensel im Jahr 2002 „Zonenkinder“ vorlegte, sprang sie in ein Vakuum. Seitdem füllen sich die Bücherregale mit Werken zur Vergangenheitsaufarbeitung der DDR, und die Darstellung scheint immer komplexer zu werden. Das mag als gutes Zeichen zu werten sein, als Wille, dem Schubladendenken vorzubeugen. Auch Ralph Hammerthaler, aufgewachsen im Westen, macht es sich nicht leicht. In seinem dritten Roman „Der Sturz des Friedrich Voss“ rollt er das Leben eines Chefchirurgen auf, der nach der Wende und dem Verlust seiner Stelle – man wirft ihm Stasi-Mitarbeit vor – Selbstmord durch Kopfschuss begeht.

          Der Stoff basiert auf einem frei verfugten Faktengerüst, steht also eher in journalistischer Tradition. Um das zwiespältige Innenleben dieses Friedrich Voss, eines autoritären, genussfreudigen Charismatikers, zu zeigen, fügt Hammerthaler Stimmen der Zeitgenossen zu einem Mosaik. Mehr noch: Er blendet, zwischen den Jahrzehnten springend, immer wieder in die Leben der drei längst erwachsenen Kinder über. Das Zentrum ist nicht nur Friedrich Voss, vielmehr die Wunde, die er und – davon untrennbar verbunden – das politische System in den Biographien der nachfolgenden Generation hinterlassen.

          Vorwürfe und Selbstmord

          Martin, der Jüngste, lebt in einem Heim. Kathrin, die Mittlere, nach den Vorwürfen und dem Selbstmord des Vaters von den Klinikkollegen gemieden, hat sich als Ärztin selbständig gemacht. Hermann, der Älteste, arbeitet heute, im Jahr 2009, nach gescheiterten Anläufen in besser bezahlten Branchen als Krankenpfleger. Noch Schüler, hatte er es gewagt, den FDJ-Sekretär als „Kommunistensau“ zu betiteln. Er musste daraufhin die Schule verlassen, und auch die Geschwister bekamen die „sozialistische Sippenhaft“ zu spüren. Täglich, als Erwachsener, wenn die Kinder abends schlafen und das Meer im Ostseestädtchen „S.“ von fern rauscht, setzt Hermann sich nieder, um zu schreiben. Mit ihm als Erzähler ist zugleich die Zerrissenheit des Dargestellten vorgegeben. Hermann steht für den Beginn des Abstiegs der Familie. Seine Haltung ist gewissermaßen die eines schuldlos schuldig gewordenen; seine Motivation von therapeutischer Leidenschaft getrieben: „schlussendlich klarzukommen mit allem, was passiert ist“.

          Hermann möchte „Resonanzboden“ für die letzten Worte des Vaters sein. Er fasst den Schmerz der Familie in Sprache. Tagebuchartige Notizen brechen den mit Erfundenem aufgefüllten Chronistentext und stellen ihn damit in Frage. Vergangenheit – das wirkt im subjektiven Kosmos dieses Erzählers eher wie ein verschwommen erinnerbarer letzter Akt, von dem nur zufällig das eine oder andere an die Oberfläche gespült wird. Diese Zeit gar abzuschließen scheint Hermann gänzlich verwehrt. Noch muss er einen seiner Quäler im Rollstuhl spazieren fahren: den Lehrer, der damals sein Vergehen anzeigte. Hass treibt deshalb diese Rede. Einmal kippt er diesen Lehrer sogar fast ins Meer – und muss sich von ihm sagen lassen: „Wir sollten unsere Irrtümer ohne Weh begraben.“ Was aber käme vor diesem finalen Ritual?

          Das Gespenst der Geschichte

          Wir lesen – so wird immer deutlicher – nicht nur einen Wende-, vielmehr einen Nachwenderoman, der in der Gegenwart längst nicht aufhört. Je mehr Informationen über Voss ans Licht treten, desto weniger greifbarer wird dieser Mann. Ein Gespenst der Geschichte, das abtritt, bevor man es zu allem befragen könnte. Es bleiben nur Szenen seines ausschweifenden Lebens, zum Leben erweckte Schwarzweißfotografien: Voss, „kein Kostverächter“, unter Kollegen am Nacktbadestrand beim Feiern; am OP-Tisch, „mutig, geschickt“; zu Hause jähzornig; beim Jagen mit Offiziellen der Partei. Was soll man von ihm halten? Er nimmt sich, was er braucht – Geliebte oder Sofagarnituren für seine Klinik. Im Notfall spendet er eigenes Blut. Gibt es Ärger mit der Aufsicht, regelt es Voss. Er scheint Vorteilsdenken und berufliches Geschick im Lauf der Zeit unauffällig mit seinem Gewissen in Gleichschritt gebracht zu haben.

          Es bleibt dem Leser überlassen, sich für ein Bild zu entscheiden. Voss blitzt als Mensch kurz auf, droht aber am Ende hinter dem Netz, das er selbst spann, zu verschwinden. Die letzten Jahre zeigen ihn depressiv und eingekapselt. Ratlos hält man die Todesanzeige in den Händen. Die Familie lässt darauf diesen Satz drucken: „Die heute Opfer sind, werden morgen klagen.“ Klage. Aber auch Anklage? Ralph Hammerthaler fächert die Kernfrage in Kommentaren und Schilderungen auf, die sich zuweilen widersprechen. Das große Personal dieses Romans und die persönliche Befangenheit der Sprechenden machen es letztlich unmöglich, Täter-Opfer-Kategorien anzuwenden.

          Ehrlich und problematisch

          Was diesen Roman ehrenwert schwebend macht, ist zugleich sein ästhetisches Problem. Er ächzt unter der Materialfülle. Lebendig wird er durch seine ausgeprägte Mündlichkeit, der Ralph Hammerthaler, als Dramaturg dialoggeschult, durchaus noch mehr hätte vertrauen dürfen. Seine Figuren wirken bisweilen überaktiv. Ein Kellner „schießt“ aus dem Café; man schnaubt, schimpft, faucht, ereifert sich, verrenkt sich beim Umdrehen den Hals, als müsste sprachlich ein Mangel der Darstellung kompensiert werden. Das trübt die Lektüre, obwohl der Text zugleich seine Aufgabe erfüllt, „die Kanten der Geschichte“ hervorzukehren; die Leere und Hilflosigkeit zwischen den Generationen zu zeigen; Voss als „Gefangenen seiner eigenen Persönlichkeit“ zu porträtieren, während das Bild von ihm sich bereits aufzulösen beginnt.

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