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Rahel Levin Varnhagen: Familienbriefe : Die Sendungsbewusste

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H.Beck

Das Geistesleben des Vormärz kennt kaum eine markantere Frauengestalt: Rahel Levin Varnhagen - Schriftstellerin, Kritikerin, Salonière. Ihre Briefe zeigen sie als wegweisende Zeugin der Epoche.

          5 Min.

          Die Kokarde, die Bandschleife der Französischen Revolution, wollten sich die Deutschen, sieht man von der kurzlebigen Mainzer Republik ab, nicht an die Hüte stecken. Für eine Revolution ganz anderer Art sorgte die Romantik. Das Zeichen der Gleichheit und Freiheit, die Kokarde der Emanzipation, wählten sich hier literarisch gebildete und begabte Frauen wie Dorothea Schlegel, die Tochter Moses Mendelssohns, Caroline Schlegel-Schelling, Bettina von Arnim oder Rahel Varnhagen. Sie alle eroberten sich das Recht auf Individualität, und alle dokumentierten sie diese in einer bis dahin unerreichten Briefkultur. Die wirkungsvollste unter ihnen wurde Rahel, die Begründerin des bekanntesten Berliner Salons, der zum Mittelpunkt für das geistige Leben der Stadt wurde. Hier konnte der Student Heine auf den berühmten Philosophen Hegel von der Berliner Universität treffen.

          Ihr Selbstverständnis brachte Rahel auf den Punkt im Brief vom 22. Januar 1819 an ihre Schwester Rose. Sie setzt die Eigenständigkeit der Frau ins Recht: „Es ist Menschenunkunde, wenn sich die Leute einbilden, unser Geist sey anders und zu anderen Bedürffnißen constituiert, und wir könnten zum Exempel ganz von des Mannes oder Sohn's Existenz mitzehren. Diese Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, dass ein Weib in ihrer ganzen Seele nichts höheres kennte als gerade die Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt.“

          Von unbegrenzter Liebesfähigkeit

          Von Anfang an respektierte Rahel die Freiheit der Frau zur Wahl der eigenen Lebensführung. Dieser Grundsatz verband sie auch mit ihrer Freundin Pauline Wiesel, der Tochter des Direktors der königlichen Bank in Berlin, die mit ihrer anscheinend unbegrenzten Liebesfähigkeit verschwenderisch umging und deren sinnlicher Anziehungskraft eine erstaunliche Zahl von erlauchten Männern der Zeit erlag. Auch als Pauline in Verruf und ins Elend geriet, konnte nichts diesen Freundschaftsbund der Frauen ins Wanken bringen. Er ist bezeugt im 1997 erschienenen hinreißenden Briefwechsel beider Frauen (F.A.Z. vom 4. November 1997).

          Aber in den hier vorliegenden Briefen, die sie an die Brüder aus dem Bankgewerbe richtet - der Briefwechsel mit ihrem Bruder Ludwig Robert, dem Schriftsteller, ist gesondert erschienen -, überwiegt oft der Ton der Verärgerung. Zumal vom ältesten Bruder, Marcus Theodor, fühlte sie sich bei der Verwaltung ihres Erbes und ihrer Geldanlagen übervorteilt. Der Mann, nach dem Tod des Vaters Familienoberhaupt, war gewiss ein kühler Rechner, zumal wenn es um eigene Geschäfte ging. Rahels Ehemann Varnhagen von Ense, während der Napoleonischen Kriege eine Zeitlang Oberst in russischen Diensten, hat nach Marcus' Tod schweres Geschütz gegen ihn aufgefahren, hat ihn zum brünstigen Libertin gestempelt, der es immer auch mit den Mägden trieb, zum Verschwender des Familienvermögens, der an Rahel wahre Abscheulichkeiten begangen habe.

          Sollte Marcus Theodor nicht ein genialer Heuchler gewesen sein, bieten die Briefe, die er nach anfänglichen Reibereien an Rahel schrieb, ein anderes Bild. Er erscheint als Prosaist von beachtlichen Graden, als ein scharfer Analytiker, der Finanz- und Wirtschaftsfragen darzustellen weiß, als ein an Fichtes Philosophie geschulter und als der politische Kopf der Familie. Er liefert in diesem Band die genauen Berichte über das wechselhafte Geschehen der Napoleonischen Kriege, soweit es Deutschland, zumal Preußen und Berlin, berührt: Er schlägt die Alarmglocke, als nach dem endgültigen Sieg über Napoleon mit der Glorifizierung deutschen „Volkstums“ auch ein antijüdischer Affekt neu geweckt und ein anfängliches Versprechen des Wiener Kongresses vom 1814/15, den Juden bürgerliche Gleichstellung zu gewähren, wieder vergessen wird.

          Diskriminierung von Juden in Preußen

          Ein Blick auf die Gesetzgebung in Preußen: Das Emanzipationsedikt von 1812 erklärte die Juden zu „Einländern und Preußischen Staatsbürgern“ und verpflichtete sie dafür zum Gebrauch der deutschen Sprache, zum Militärdienst und zur Annahme fester Eigennamen. Aber nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich folgte der Widerruf, die Zurücknahme im sogenannten Revokationsedikt von 1816. Den Juden blieben für lange Zeit eine Reihe von Berufen, zum Beispiel akademische Lehr- und die Schulämter, verschlossen. Diese gegenemanzipatorische Gesetzgebung nun wird in ihren politischen Auswirkungen anschaulich in den Berichten Marcus Theodors.

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