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Rae Armantrout: Narrativ. Ausgewählte Gedichte : Schon mal geschummert?

  • -Aktualisiert am

Bild: luxbooks

Rae Armantrout zählt zu den eigenwilligsten Lyrikerinnen Amerikas. Erstmals ins Deutsche übersetzt, bietet sich nun, da die Autorin soeben mit dem Pulitzer Prize for Poetry geehrt wurde, die Gelegenheit, ihr Werk bei uns kennenzulernen.

          Das Schöne an den Wörtern ist, dass sie uns am meisten locken und zu allerlei Vorstellungen anregen, wenn wir eigentlich nicht recht wissen, was genau mit ihnen anzufangen ist. „Schummern“ beispielsweise ist ein solches Wort, das einem irgendwie bekannt vorkommt, wohl gar schon mal begegnet sein mag, aber das man sich nicht mit Sicherheit auf eine Lexikonbedeutung festlegt, ohne sich in allerlei Spekulationen zu verlieren. Hat es mit „schimmern“ was zu tun? Oder doch eher mit „schlummern“? Oder auch mit beidem?

          Gerade weil es uns nicht einfach zur Bezeichnung einer x-beliebigen, aber allgemein vertrauten Tätigkeit des Alltags dient, ist das Verb besonders faszinierend und entfaltet, statt sich unserer Sprachverfügungsmacht zu beugen, außerhalb der Alltagssprache seinen Eigensinn. Bei aller Unschuld, die aus seiner Miene spricht, mag man sich gelegentlich schon fragen, was für Verlockungen es bietet und ob wir ihnen arglos folgen sollten.

          Unverfügbarkeit von Wörtern

          Die Frage stellt sich gleich zu Anfang dieser Sammlung. „Schummern“ heißt hier der Eröffnungstext, und er beginnt mit einer Art Bekenntnis zur Lust am Unverfügbaren von Wörtern: „Angenommen, mich törnen scheinbar unschuldige Wörter an wie ‚schummern‘, ‚pink‘ oder ‚extrapolieren‘. Angenommen, ich steuere Gespräche so, dass andere diese Wörter sagen?“ Das klingt vielleicht wie ein Gedankenspiel und hat doch, just indem sich der Gedanke sprachlich übermittelt, schon erreicht, wovon gesprochen wird: Wir haben das bewusste Wort gebraucht, selbst ohne über seinen Sinn Bescheid zu wissen.

          Wenn dieser kleine Text – bei dem wir übrigens zugleich nicht recht entscheiden können, ob es sich um Prosa oder Verse handelt – daher mit einer Hypothese von beinah babylonischer Vermischung endet, klingt das zwar spielerisch-anarchisch und doch ein klein wenig bedrohlich: „Angenommen, die geheime Lust / läge darin, das eine / beim Namen des anderen zu nennen?“

          Zurück zu den Anfängen

          Was immer „schummern“ also heißen mag, das Wort ist gewiss programmatisch für die reiche Auswahl an Gedichten der kalifornischen Autorin Rae Armantrout, die jetzt erstmals mit deutscher Übersetzung und in sehr ansprechender Aufmachung in der schönen Reihe „luxbooks americana“ vorliegen. Sie stammen vorwiegend aus den vier Bänden, die Armantrout, Jahrgang 1947, im zurückliegenden Jahrzehnt publiziert hat, und reichen gleichwohl bis zu ihren Anfängen in den siebziger Jahren zurück, weil etliche der frühen Texte in neuere Sammlungen eingegangen sind. Insgesamt bietet sich so die Chance, eine der eigenwilligsten und reizvollsten Lyrikerinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur, deren Werk bislang auf Deutsch nicht greifbar war, endlich kennenzulernen.

          Zumeist sind diese Texte knapp, die Zeilen kurz und alle Formulierungen auf ganz Konkretes fokussiert. Auch wenn ihr Sinn vielfach verrätselt scheinen mag und gängiger Bedeutungssuche zunächst wenig zugänglich, entsteht ihr Reiz und Witz oftmals im Spielerischen, als wollten sie die Welt- und Sprachpartikel erst einmal gründlich durchschütteln, um sodann zu erkunden, was sich neu daraus ergibt: „Satzteile schütteln / wie den Flaum / in der Schneekugel- / so ähnlich wie der Schlaf / im Lebensmüll wühlt. / Jedes Gedicht sagt: ‚Ich verzweifle‘ / dann: ‚Alles muss raus!‘“ In dieser Weise umspielt Armantrouts Lyrik die Verzweiflung, indem sie danach forscht, wie in und mit der Sprache überhaupt je was herauskommt, das heißt auf welche Weise wir der Wirklichkeit je mit Schriftzeichen und Wörtern beikommen: „Es ergibt Sinn / um die Ecke zu biegen / in einer schwarzen Limousine / und aufzuschreiben / was alles passiert. / In einer roten Strickmütze / die Straße entlang zu steppen / ein einziges Mal.“

          Tradition der Language Poets

          Darin erneuert sich die Tradition der sogenannten „Language Poets“, einer Gruppe der amerikanischen Avantgarde, die sich in den siebziger Jahren in Kalifornien formiert hat und seither nach Möglichkeiten sucht, den gesellschaftlichen Aufbruch jener Zeit mit der Erbschaft der großen Modernisten wie William Carlos Williams oder Gertrude Stein aufs Neue zu verbinden. Jeder Indienstnahme von Wörtern zur Bezeichnung vorfindlicher Wirklichkeit steht hier die Auffassung entgegen, dass Sprache sehr viel mehr und sehr viel anderes leistet, als bloß Mittel eines derart fremden Zwecks zu sein. Im Verzicht auf alles Mittelbare dennoch nicht das Mitteilbare sprachlicher Hervorbringungen aufzugeben bildet daher das Programm; es versucht, das Eigentliche aller Sprache dadurch freizulegen, dass es die uneigentliche Redeweise unseres Sprachgebrauchs herausstellt, beispielsweise in den gängigen Naturbeschreibungen: „Zweige spreizen / die Finger. / Naturliebe ist eine Übersetzung. / Heimliches Nicken / im übertragenen Sinn“.

          Wenn also Übersetzung immer schon am Werk ist und unser eigenes Sprach- und Weltverhältnis prägt, ist es gleichermaßen anregend wie stimmig, die Gedichte gleich in zwei Sprachen zu lesen und auf diese Weise zu verfolgen, wie ein solcher Sinn sich jeweils gänzlich anders überträgt. Hierfür haben Uda Strätling und Matthias Göritz äußerst produktive Vorlagen geliefert, denn sie setzen offenkundig nicht darauf, dass zweisprachige Leser diese deutschen Fassungen einfach abnicken, sondern setzen eigenwillige Akzente – „Darstellung“ für „Narrative“, „erhaben“ für „subliminal“, „Tagessatz“ für „Currency“ –, was oftmals wohl auch Kopfschütteln hervorrufen dürfte. Doch Schütteln ist, wie Armantrouts Gedichte zeigen, eine durchaus lohnende Bewegung, die uns nicht nur bei der Schneekugel erstaunlich neue Ansichten beschert. Wer sich daher auf die geduldige Lektüre einlässt, wird sich schon bald von vielen wundersamen Wort- und Satz- und Übersetzungsfügungen antörnen lassen. Und wer wissen will, was „schummern“ eigentlich auf Englisch heißt, der findet hier die Antwort gleich zu Anfang im Eröffnungstext.

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