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: Rabe und Elster im Streit um Lufthoheit

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Das Gedächtnis ist ein stummes Archiv, in das nur die Erinnerung Leben hineinbringt, oder anders, aus dem sie ihre Bilder hervorholt." So heißt es im neuen Buch von Jürgen Becker. Der Satz hätte auch in einem seiner früheren Texte stehen können. Schon im Debüt "Felder" von 1964 tauchen im experimentellen ...

          Das Gedächtnis ist ein stummes Archiv, in das nur die Erinnerung Leben hineinbringt, oder anders, aus dem sie ihre Bilder hervorholt." So heißt es im neuen Buch von Jürgen Becker. Der Satz hätte auch in einem seiner früheren Texte stehen können. Schon im Debüt "Felder" von 1964 tauchen im experimentellen Spiel mit der Grammatik die Umrisse erinnerter Orte auf, und im Roman "Aus der Geschichte der Trennungen" (1999) ruft die Erinnerung des Erzählers Bilder von Lebensepisoden ab, die zu Facetten einer Geschichte des "Dritten Reichs" werden. In der Folge seiner Lyrik- und Prosabände verfestigen sich zunehmend Spurenelemente des Epischen und Situationen einer eindringlichen Wiederbegegnung mit deutscher Geschichte. Am Titel des langen "Gedichts von der wiedervereinigten Landschaft" (1988) und an den Gattungsbezeichnungen Erzählung ("Der fehlende Rest", 1997) und Roman läßt sich diese Entwicklung ablesen.

          Aber wie bisher kein neues Buch Beckers den Zusammenhang mit dem vorhergehenden preisgab, so kopierte keines das bereits benutzte literarische Muster. Der neue Band, "Schnee in den Ardennen", ist als Journalroman deklariert. In den Teilen I und III verflüchtigt sich das Romanhafte zugunsten des Journal-, also Tagebuchhaften. Tagebücher binden sich an die jeweilige Situation, aus der geschrieben wird, sprechen aus der Unmittelbarkeit des Erlebens, der Erfahrung oder der geistigen Auseinandersetzung, überlassen viel Spielraum der Subjektivität. Aber was sich dem Augenblick verdankt, muß nicht interessant bleiben, und so schlüpfen, ähnlich wie in Walter Kempowskis Tagebüchern, in den Aufzeichnungen mitunter kleine Eintagsfliegen aus.

          Viele Alltagsbeobachtungen Beckers weiten sich jedoch zum Entwurf höchst anschaulicher Szenen. Ihr Gegenstand wird durch das Lebensumfeld des Autors bestimmt, und das ist, seit seinem Abschied aus der Leitung der Hörspielredaktion beim Deutschlandfunk, eindeutig ein Dorf im Bergischen Land. Ist Becker ein neuer Candide, der sich nach den Abenteuern des Lebens zurückzieht, um seinen "Garten zu bebauen"? Hält er es mit Arno Schmidt, der seine Wortwerkstatt nach Bargfeld in der Lüneburger Heide verlegte? Daß der Ort, in dem Becker ein altes Gehöft bewohnt, Heide heißt, könnte dann Anlaß für eine ironische Glosse sein. Aber weder mit der philosophischen Parabelfigur Voltaires noch mit dem Artisten der Anspielung und des Zitats, dem Autor von "Zettels Traum", teilt Becker einen Rückzug ins Abseits - die Verbindung zur Kulturmetropole Köln bleibt lebendig.

          Immerhin, der Journal-Schreiber hat seinen Standort vornehmlich im ländlichen Raum. Und oft scheint es, als beobachte er seine Umgebung, wie der Kameramann des Tierfilms, aus einem Versteck. Der Vergleich ist nicht herbeigeholt. Schon früh hat Becker den Kontakt mit den audiovisuellen Medien gesucht, als Hörspielschreiber und als Autor eines Fernsehfilms (1970), der das Verhältnis von Wort und Bild am Beispiel des "Schreibens und Filmens" zeigt. Der Fotoband "Zeit ohne Wörter" (1971) kommt sogar ganz ohne Sprache aus. Mehrfach deuten seine Texte an, daß Bewußtseinsvorgänge ablaufen wie Filme.

          Der Kamerablick, mit dem der Journal-Schreiber nun seine Umgebung absucht, ist mit einer magischen Kraft begabt: Er bannt sein Gegenüber, die Landschaft, die Tiere, die Dinge so, daß sie zu erzählen beginnen. Wundersame Erzählungen entstehen, vom Lichtwandel der Tage und Jahre, vom morschen Birnbaum und der Technik des Fällens, vom Sterben der Katze, vom Kampf der Raben, Elstern und Eichelhäher um die Lufthoheit, von den Strategien der Singvögel, ans Futter des Vogelhäuschens zu gelangen, vom früheren Bauernleben, über das die Sense, ausgebaggerte Scherben und alte Schriftstücke Auskunft geben.

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