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Debütroman von R.O. Kwon : Schätze, die ich mir vom Mond gestohlen hatte

  • -Aktualisiert am

Hat als Jugendliche den Glauben an Gott verloren: R.O. Kwon Bild: Smeeta Mahanti

Sektenkult und College-Partys: Die amerikanische Autorin R.O. Kwon benutzt ihren Campusroman „Die Brandstifter“ als psychoanalytisches Spielbrett.

          4 Min.

          Vor der Gewalt steht das Begehren. Will liebt Phoebe, die ihn ein bisschen zurückliebt, sich aber zugleich für John interessiert, der sie als Anhängerin seiner Sekte gewinnen möchte. Gravitationszentrum dieses Arrangements ist nicht etwa die Frau, an der beide Männer zerren, sondern deren Rivalität. Die Geschichte dazu stammt von R.O. Kwon, trägt den Namen „Die Brandstifter“ und verwandelt sich von harmlosem Campus-Geplänkel an der amerikanischen Ostküste in ein Trauerspiel. Schon auf der zweiten Seite deutet Will in einem an Phoebe gerichteten Rückblick an, wo die Reise hingeht: „Gebäude stürzten ein. Menschen starben. Du hast mir einmal vorgeworfen, ich hätte noch nicht mal versucht, dich zu verstehen. Aber hier bin ich. Ich versuche es.“

          Damit ist der Roman als Persönlichkeitsanalyse näher charakterisiert, wobei im Verlauf der psychologischen Tiefenbohrung dichter hermeneutischer Nebel aufsteigt. Der Plot ist scheinbar aus Sicht der drei Protagonisten erzählt; tatsächlich jedoch erreichen uns immer nur die Gedanken Wills, den wir schnell als zuverlässig unzuverlässigen Erzähler abstempeln. Spricht er von seiner Freundin, muss er sich „Einzelheiten dazudenken“, zitiert er sie wörtlich, fügt er an: „sagte sie wahrscheinlich“.

          Moralischer Schattenriss

          Dabei wäre es aufschlussreich zu erfahren, was sie genau vermeldet, denn ihre Beichten und Bekenntnisse legt sie im Kreis von Johns studentischer Glaubensgemeinschaft ab. Der Messias wiederum gibt als vertrauensbildende Maßnahme andauernd seine Erleuchtungsgeschichte zum Besten: Er engagierte sich für eine Aktivistengruppe in China, wurde von nordkoreanischen Agenten entführt, landete in einem Straflager, erlebte dort unbeschreibliche Greueltaten und wunderte sich über die Verehrung, die der verantwortliche Diktator dennoch genießt. „Man stelle sich nur vor“, sinnierte er, „der Tyrann wäre so ehrenwert, wie seine Jünger das glaubten.“ Kaum flammte dieser Geistesblitz auf, schon verdichtete er sich zu einem problematischen Berufswunsch – charismatischer Guru. Ob all dies genau so, ganz anders oder gar nicht passierte, bleibt, wie vieles in diesem Buch, unklar.

          R.O. Kwon: „Die Brandstifter“. Roman. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind Verlag, München 2019. 240 S., geb., 20,– Euro.

          Phoebe erweist sich für John als leichte, weil seelisch schwer angeschlagene Beute. Ihre Mutter flüchtete vor dem Vater (allzeit gewaltbereiter Pfarrer) von Korea in die Vereinigten Staaten, wo sie bei einem Autounfall unter entsetzlichen Bedingungen verstarb. Obwohl sich Phoebe nun vor allem für Alkohol, Männer und College-Partys erwärmt, schleicht sich der Glaube als moralischer Schattenriss fortwährend in ihr Leben. Kein Wunder, denn ein Teil des koreanischen Selbstverständnisses fußt auf der Religiosität der Bevölkerung. Der kleine Staat „entsandte mehr christliche Missionare ins Ausland als jede andere Nation, mit Ausnahme der USA“.

          Heilsbringer und Prekariatspimpf

          Da bietet Will eine geeignete Projektionsfläche, ist er doch ein vom Glauben abgefallener Außenseiter, der mit improvisierten Predigten einst seine Mutter zum Christentum bekehrte. Die dunklen Seiten seines wundgescheuerten Gemüts malt R.O. Kwon mit dem Feingefühl der Betroffenen aus, denn als Jugendliche hat auch sie ihr Gottvertrauen verloren – keine Kleinigkeit für ein in Los Angeles aufgewachsenes Kind südkoreanischer Eltern.

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