https://www.faz.net/-gr3-adwl2

Quentin Tarantinos Romandebüt : Weniger Gemetzel, mehr sexuelle Freizügigkeit

Ein fortblühendes Leben: Margot Robbie spielt Sharon Tate. In der Filmversion wird ihr wahres bitteres Ende durch den wehrhaften Rick Dalton verhindert. Im Buch kommt diese aus Liebe zur Kinogeschichte geborene Fiktion leider zu kurz. Bild: Allstar/Sony Pictures Entertainm

Final Cut bedeutet hier den Wegfall des Finales: Mit „Es war einmal in Hollywood“ schreibt Quentin Tarantino eine zweite Version des Stoffs aus seinem Erfolgsfilm.

          4 Min.

          Quentin Tarantino hat das Buch zu einem Film geschrieben. So what? Das war doch bei allen seinen neun bisherigen Filmen der Fall, und für einige andere Regisseure war er auch schon schreibend tätig. Aber dabei handelte es sich jeweils um Drehbücher – wenn man der Kompetenz der amerikanischen Filmakademie glauben will, Tarantinos eigent­liche Domäne, denn seine beiden Oscars hat er als Autor gewonnen (für „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“). Dann aber ist vor einem Monat in den Vereinigten Staaten und kurz danach nun auch auf Deutsch der erste Roman des 1963 geborenen Filmemachers erschienen, und zwar heißt dieses späte literarische Debüt wie sein jüngstes Kinowerk: „Es war einmal in Hollywood“. Doch es ist nicht das, was man gemeinhin von einem „Buch zum Film“ erwarten würde. Und das ist auch gut so.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn dieses Genre wird allgemeinverachtet, während Verfilmungen von Büchern große Erwartungen wecken (wegen des zahlreicheren Publikums im Kino oder vor dem Bildschirm). Einträglich mag die Adaption von Leinwandhandlungen als gedrucktes Wort zwar auch sein, aber erträglich ist sie aus qualitativer Sicht selten. Ambitionierte Autoren bestellen dieses Feld nicht, weil zu ihrem Verständnis literarischer Betätigung der Nimbus des Originalgenies gehört. Und ambitionierte Leser erwarten dasselbe. Bei „Büchern zum Film“ ist deshalb der Verdienst Anreiz, nicht das Verdienst.

          Größere Drastik als im Film

          Für Tarantino jedoch zählt beides. Nachdem er 2019 mit „Es war einmal in Hollywood“ das beste Einspielergebnis seiner Karriere erzielte und für die Zeit nach dem nächsten Film seinen Abschied vom Regiestuhl angekündigt hat, schloss der amerikanische Buchkonzern HarperCollins mit ihm einen Vertrag über zwei Bücher ab – als Option auf die viele freie Arbeitszeit Tarantinos im postcineastischen Leben. Aber für den ersten Titel wollte man noch die Gunst des frischen Kinoerfolgs nutzen. Doch wer erwartet hätte, die Geschichte des abgehalfterten Cowboy-Darstellers Rick Dalton und seines früheren Stuntmans und nunmehrigen „Männchens für alles“ Cliff Booth noch einmal nacherzählt zu bekommen, der wird enttäuscht.

          Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“. Roman.
          Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“. Roman. : Bild: Kiepen­heuer & Witsch

          Und zwar produktiv, denn Tarantino verfügt in der Tat nicht nur über cineastisches, sondern auch literarisches Können. Dazu gehört auch das Wissen um die Gesetze der jeweiligen Kunstform. Metzel­szenen zum Beispiel, wie sie das Kinowerk des Regisseurs prägen, lassen sich nicht ebenso effektvoll beschreiben wie verfilmen. Gleichzeitig gestatten gedruckte Schilderungen größere Drastik etwa in Sachen Sex, als ein Filmemacher, der Rücksicht auf die Kriterien für Altersfreigaben im Kino nehmen muss, sie zeigen könnte. Entsprechend geht es im Buch „Es war einmal in Hollywood“, nachdem die junge Pussycat zu Cliff Booth ins Auto gestiegen ist, weitaus freizügiger zu als im gleichnamigen Film – und das Mädchen ist im Buch auch weitaus jünger, verboten jung sogar.

          Ein Kompendium von „Old Hollywood“ im Untergang

          Dagegen wird der Showdown des Films „Es war einmal in Hollywood“ – das spezifisch tarantinoesk ausgewalzte Massaker am Mordkommando der Manson-Family in Rick Daltons Haus – im Buch auf gerade einmal einer von vierhundert Seiten abgehandelt, und das schon nach einem Viertel der Handlung in einem Vorgriff auf die Zukunft der beiden Hauptfiguren. Antiklimaktischer kann man nicht erzählen. Aber diese Szene hätte Tarantino im Buch eben gar nicht wie im Film erzählen können, und bevor er ein schlechteres Finale hätte bieten müssen, strich er es ganz.

          Das hat natürlich gravierende Konsequenzen: Womit endet das Buch dann? Mit der emotionalsten Szene des Films, dem Zusammenspiel von Rick Dalton und einer altklugen Kinderdarstellerin vor der Kamera, in dessen Verlauf Dalton seine Selbstachtung als Schauspieler kurzfristig zurückgewinnt. Der Anteil an Sentimentalität bei Tarantino wird zugunsten seines Zynismus notorisch unterschätzt, auch wenn jedermann um seine Kino-Nostalgie weiß. Mit seinem Roman liefert er ein Sittenbild jenes Hollywoods, das zur Handlungszeit des Buchs, dem Februar 1969, noch sehr alt aussah, obwohl das, was heute „New Hollywood“ genannt wird, schon im Aufbruch war.

          Im Deutschen grässlich prätentiös

          In Roman und Film steht dafür der Regisseur Roman Polanski, Daltons Nachbar. Aber die Sympathie Tarantinos gehört Dalton und Booth als Vertretern des alten Systems, gerade weil sie als Figuren heute wie aus der Zeit gefallen scheinen. Die filmhistorischen Passagen der Handlung, meist aus Erinnerungen der beiden Protagonisten entwickelt, sind ein Kompendium von „Old Hollywood“ im Untergang. Die folgende Ära der Siebzigerjahre soll übrigens Gegenstand des zweiten vertraglich vereinbarten Buchs von Tarantino werden, dann aber als Sachbuch.

          Im Roman indes kann er kongenial die Zeit davor erzählen: in einer Sprache, die ebenso klischeebeladen ist wie das Rollenbild jener Filme, deren Herstellung dabei im Mittelpunkt steht. Dafür haben die beiden Übersetzer Stephan Kleiner und Thomas Melle eine deutsche Sprache gewählt, die sich dem Synchrontonfall dieses Kinos verdankt. Dass der prominente Schriftsteller Melle ausweislich des Impressums nach 108 Seiten das Handtuch schmiss, kann man verstehen, weniger indes, dass das Lektorat ihm drei Seiten zuvor noch einen Dialog durchgehen ließ, der vollkommen konfus gerät, weil die Figurenzuordnung nicht stimmt. Tarantino als Drehbuchschreiber liebt wiederholte Zuschreibungen von wörtlicher Rede im selben Absatz: „Marvin calls“, „Marvin advises“, „Marvin warns“ heißt es da etwa im ersten Kapitel auf nur fünf Zeilen.

          Im Deutschen klingt das grässlich prätentiös, und Melle ist für sklavische Treue gegenüber der Struktur des Originals anfälliger als der professionelle Übersetzer Kleiner. Gut also, dass der für drei Viertel des Textes verantwortlich zeichnet. Aber die Ironie ist auch bei ihm auf der Strecke geblieben, weil es galt, den Kinotonfall zu retten. Auf Deutsch ist der jedoch ein anderer. Tarantino, der in seinem Roman sogar die hiesigen Karl-May-Verfilmungen vorkommen lässt, hätte das gewusst.

          Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Thomas Melle. Kiepen­heuer & Witsch, Köln 2021. 416 S., geb., 25,– €.

          Weitere Themen

          Es werden Köpfe rollen

          Felicitas Hoppes Nibelungen : Es werden Köpfe rollen

          Als die Schätze in die Welt zogen: Felicitas Hoppe macht in „Die Nibelungen“ aus einem alten Stoff mit größter Raffinesse ein reines literarisches Vergnügen.

          Topmeldungen

          Der Kreml streitet jede Verbindung zur „Wagner-Gruppe“ ab.

          „Gruppe Wagner“ : Das Söldner-Unternehmen, das es nicht gibt

          Wer steckt hinter den russischen Kämpfern, von denen nun im Zusammenhang mit dem Mali-Einsatz auch der Bundeswehr die Rede ist? Alles deutet auf einen Geschäftsmann, den sie „Putins Koch“ nennen.

          Deutschland wählt : Was die Wahl am Ende entscheidet

          Für keinen der drei Kanzlerkandidaten können sich die Deutschen erwärmen. Inhalte spielen kaum eine Rolle. Am Ende wird es wohl heißen: Wer macht weniger Fehler. Der Wahlkampf in Grafiken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.