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Qian Zhongshu: Die umzingelte Festung : Eingeschlossen hinter Mauern Literatur

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Wer hier eindringt, sitzt in der Falle: Qian Zhongshu zählt zu den bedeutendsten Literaten der chinesischen Moderne. Jetzt ist sein Roman „Die umzingelte Festung“, ein lange verbotenes Schlüsselwerk, in einer neuen Übersetzung zu entdecken.

          3 Min.

          Qian Zhongshu (1910 bis 1998) gilt als einer der größten chinesischen Literaten der Moderne. Die französische Zeitung „Le Monde“ schlug ihn bereits mehrfach für den Nobelpreis vor. Nun bietet sich die Möglichkeit, eines seiner bedeutendsten Werke in einer sehr guten, überarbeiteten Übersetzung von Monika Motsch zu lesen: „Die umzingelte Festung“. Der Roman hat eine lange Geschichte: Bereits 1946 erschien er in Fortsetzungen in einer Schanghaier Zeitschrift, 1947 dann erstmals in Buchform.

          Doch die wechselvolle chinesische Geschichte brachte es mit sich, dass Qian Schreibverbot erhielt. Während der Kulturrevolution wurde er in ein Umerziehungslager gesteckt und seine Werke nicht mehr aufgelegt. Erst im Zuge seiner Rehabilitierung 1976 wurde „Die umzingelte Festung“ einer breiten Öffentlichkeit wieder zugänglich. Im Westen wird „Die umzingelte Festung“ als bester chinesischer Roman des zwanzigsten Jahrhunderts gepriesen – als Klassiker und Schlüssel zum Verständnis der chinesischen Gesellschaft.

          Große Erwartungen

          Es ist das Jahr 1937, der zweite Chinesisch-Japanische Krieg ist gerade ausgebrochen, und die japanische Armee rückt nach China vor, als der 27 Jahre alte Fang Hongjian von seinem Auslandsstudium nach China zurückkehrt. Aus traditionellem Elternhaus stammend, wurde Fang von seinem Vater hinaus in die Welt geschickt, auf dass der Sprössling europäische Doktorwürden erlange. Der genoss in Paris, London und Berlin allerdings mehr das süße Leben, denn sich ernsthaften Studien zu widmen. Die eigene Schmach vor Augen, kauft er sich einen Doktortitel.

          Fang ist bei seiner Rückkehr nach China voller Erwartungen: Mit seinen Auslandserfahrungen wähnt er sich auf direktem Weg in die chinesische Elite, doch der näherrückende Krieg treibt Fang ins Landesinnere – in die Provinz, wo China noch unberührt von äußeren Einflüssen ist. Die Reise entwickelt sich für Fang zu einem schmerzhaften Niedergang in Etappen. Privat durchlebt er erotische Enttäuschungen, und auch seiner beruflichen Karriere ist kein besseres Schicksal vergönnt.

          Ein herrlicher Nichtsnutz

          Die Irrungen und Wirrungen des so unheldischen Helden bilden den Haupthandlungsstrang des Romans. Zurück in der Heimat wirkt Fang wie ein Getriebener. Er ist zwischen die Welten geraten, verheddert sich ein ums andere Mal zwischen den traditionellen chinesischen Gepflogenheiten und seinem eigenen Anspruch, europäische Modernität zu verkörpern. Doch Fang, der herrliche Nichtsnutz, ist nicht auf den Mund gefallen. Er entwindet sich den peinlichen Situationen und bleibt bei all seinen Verfehlungen ungemein sympathisch.

          „Die umzingelte Festung“ zeichnet ein Porträt der chinesischen Gesellschaft im Umbruch. Es ist ein Hin und Her, ein Lavieren zwischen Tradition und Moderne, zwischen China und dem europäischen Ausland. Doch Qian beschwört kein Zusammenstoßen, nicht den heutzutage allzu häufig zitierten „Kampf der Kulturen“. Die Figuren vollziehen vielmehr einen Drahtseilakt zwischen chinesischer Tradition und europäischer Moderne, es ist ein ständiges Ausbalancieren.

          Montaigne hat es gewusst

          Selbst der Titel spiegelt die chinesisch-europäische Melange wieder: Aus chinesischer Sicht ist die umzingelte Festung das eigene Land, belagert von japanischen Aggressoren, die das Land bestürmen. Der europäische Blick jedoch erkennt im Titel zuallererst Montaignes Metapher, die Ehe gleiche einer „forteresse assiégée“, in die die Belagerer hinein- und die Eingeschlossenen hinauswollen.

          So ergeht es auch Fang, seine Ehe entwickelt sich zur postulierten „umzingelten Festung“ – von außen schön und erstrebenswert. Fang will hinein, entwickelt Gefühle aber nur für Frauen, die ihn mit Ignoranz und Überheblichkeit begegnen. Dann beginnt er, um ihre Aufmerksamkeit zu werben, sie zu belagern. Endlich in die Ehe-Festung eingedrungen, fühlt er sich eingeschlossen. Doch Fang sieht das so: „Während, ganz abgesehen von Eltern und Brüdern, sogar Freunde die Beziehungen abbrechen und Bedienstete streiken, gleicht die eigene Frau dem großen Windsack in Homers Epos, der alle Stürme in sich aufnimmt – denn eine Scheidung ist nicht leicht.“ Die „umzingelte Festung“ entwickelt sich so zum Symbol für das gesamte Leben – beruflich und privat. Dinge, die er begehrt, nach denen er mit all seiner Energie strebt, werden just im Moment des Besitzens fade und schal.

          Untergrabung der Moral?

          Qian hat „Die umzingelte Festung“ nicht aus einem speziellen politischen Blickwinkel heraus geschrieben. Der frühere Vorwurf, er übergehe den japanischen Angriff mit Nonchalance und untergrabe so die Moral der chinesischen Jugend gegen den Aggressor, ist aus heutiger Sicht dem Roman sehr zuträglich. Weder der japanische Angriff, bis heute Ursache zahlreicher Ressentiments, noch die Dichotomie zwischen chinesischer Tradition und europäischer Moderne werden bewertet.

          Die Handlung des Romans ist überschaubar. Doch ist er zugleich gespickt mit unzähligen witzigen, exquisiten Metaphern. Qian Zhongshu, bekannt für sein fotografisches Gedächtnis, schöpft dabei aus dem Fundus der Weltliteratur. Er selbst erlangte in Oxford akademische Würden und unterrichtete später in Kunming, Schanghai und Peking westliche Literatur. Die moderne chinesische Literatur hat zahlreiche Diamanten in ihrer Schatulle: Qian Zhongshus „Umzingelte Festung“ ist ohne Zweifel einer der schöneren.

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