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Die Lyrik des Ben Lerner : Ein Überflieger ist dieser Autor auch als Dichter

Die Isolation des Flugreisenden erlaubt die beste Beobachterposition. Bild: Anna Reibold

Mit seinen bislang drei Romanen hat sich der amerikanische Schriftsteller Ben Lerner in die Herzen, vor allem aber die Hirne auch des deutschen Publikums geschrieben. Nun kann hierzulande sein Werk als Lyriker entdeckt werden.

          6 Min.

          Ein zentraler Topos der Texte des Schriftstellers Ben Lerner ist der Flugplatz, ist die Flugkabine – als Orte des Übergangs, jedem Menschen in der westlichen Welt, zumal einem Amerikaner, zumal einem aus der Provinz stammenden, nämlich aus Topeka in Kansas, tief vertraut, und doch immer wieder Stätten der Veränderung, die sich nicht im körperlichen Transfer erschöpfen, sondern auch Umdenken erfordern. Ein Weiterdenken über den im Wartebereich oder in der Abgeschiedenheit des Flugzeugs erzwungenen individuellen Stillstand bei rasender Bewegung um einen herum hinaus: Hier kann man nie gesehene Beobachtungen machen vom Außen, über das man hinwegfliegt, und von anderen, mit denen man fliegt und die einem nicht entkommen können (und man selbst ihnen auch nicht). Wenn man so will, ist das auch das Grundprinzip von Lyrik in ihrem scheinbar so festgefügten formalen Rahmen, der aber nur Mittel zum Zweck ist, um Überwindung der dem Menschen gesetzten Grenzen zu ermöglichen – hier sprachlich, dort geographisch. Und so klingt das dann in einem von Lerners zahlreichen Gedichten, die Flugreisen thematisieren (und so viel mehr, nicht zuletzt die eigene Poetik):

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In einer unbewussten Anstrengung meine Stimme zu bündeln

          Schlucke ich Kaugummi. Ein alter Mann weint am Flughafen

          Einem Anschlussflug nach. Die Farbe von Geld ist

          Nachtsicht-Grün. Ari nimmt die Haarklammern raus

          Ich nehme die Interpunktion raus. Unser Kühlschrank ist leer

          Bis auf Wodka und Filme. Lass die schönen

          Fragen ohne Antwort. Es sind noch sechs Seiten übrig

          Von unserer Jugend und eher würde ich meine Zunge verschlucken

          Als sie an Beschreibung verschwenden

          Wüsste man nichts über den Mann, der das schreibt, erzählte dieser Neunzeiler doch sehr viel von ihm. Über seine amerikanische Herkunft (die grünen Dollarnoten), seine Frau (Ari), seinen Beruf (Dichter, der kreativ mit Interpunktion umgeht – man beachte, dass es am Zeilenende niemals Satzzeichen gibt, während sie innerhalb der Verse erhalten bleiben), seine Vorlieben (Alkohol, Fotografie), ja selbst sein Alter, wenn er anspricht, dass er das Ende der Jugend nahen sieht. Als Lerner dieses Gedicht schrieb, stand er kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag.

          Selbstironie spielt eine wichtige Rolle

          Es stammt aus seinem bislang letzten, im amerikanischen Original 2010 erschienenen Lyrikband, „Mean Free Path“, der dritte nach „The Lichtenberg Figures“ (2004) und „Angle of Yaw“ (2006). Alle drei sind nun versammelt in einem aufwendig gestalteten Band, der die englischen Gedichte und deren Übertragungen durch den deutschen Dichter Steffen Popp (und bei einem kleineren Teil durch die deutsche Dichterin Monika Rinck) enthält. Die prominente Übersetzungsbesetzung spricht schon für die Kunstfertigkeit von Lerners Versen. Der provozierende Titel des Sammelbands – auch im Original – jedoch lautet „No Art“.

          Ben Lerner: „No Art“. Gedichte. Poems.
          Ben Lerner: „No Art“. Gedichte. Poems. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Er zitiert ein eigens für dieses Buch verfasstes Schlussgedicht, in dessen erster Strophe es programmatisch heißt: „No art is total“. Derartige Extrahierungen von Satzbestandteilen, Montagen von Zitaten und Sprachbildern sind Lerners poetisches Prinzip. Und (Selbst-)Ironie spielt eine wichtige Rolle. So heißt denn auch ein hundertseitiger Essay, der 2016 schon die amerikanische Publikation von „No Art“ flankierte, „The Hatred of Poetry“. Nikolaus Stingl, Standard-Übersetzer von Lerners Prosa, hat für die deutsche Fassung den Titel „Warum hassen wir die Lyrik“? gewählt – eine durch die Personalisierung leicht abgemilderte Version gegenüber dem ursprünglichen „Hass auf Lyrik“.

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