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Polnische Lyrik : Als die Ewigkeit bei uns war

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Bild: $image.photoCredit

Polen ist ein Land der Lyrik, und immer wieder sind Entdeckungen zu machen. Neben den berühmten Wislawa Szymborska und Adam Zagajewski glänzt Julia Hartwig.

          Und jetzt erzähle ich dir mein ganzes Leben“: Mit diesem Satz sollen oft die Gespräche zwischen Wislawa Szymborska und ihrer Breslauer Dichterkollegin Urszula Koziol begonnen haben. Wieviel Ironie dahinter steckte, wussten alle, die im Laufe der Jahre versucht haben, das Wesen der im vergangenen Jahr verstorbenen Literaturnobelpreisträgerin von 1996 zu ergründen. Mehrere Publizisten, die gern ein Buch über sie geschrieben hätten, sind an Szymborskas Verschwiegenheit verzweifelt, andere hatten lediglich Informationsfetzen gesammelt. Nicht zufällig ist Wislawa Szymborskas bislang einzige erschienene Biographie in Polen ein Bestseller geworden. Genauso wenig ist es aber ein Zufall, dass dieses Buch den Titel „Erinnerungsgerümpel“ trägt: Darin wurde alles zusammengetragen, was über die Dichterin auch nur im Entferntesten Auskunft gibt: Gedichte, Briefe, Notizen, spärliche Selbstaussagen, Erinnerungen sämtlicher Freunde, Kritikerstimmen, Leserbriefe und so weiter.

          Die gerümpelartige Struktur dieses Buches irritiert ein wenig, sein Umfang imponiert aber. Denn gegen die Hartnäckigkeit, mit der Szymborska sich zu Lebzeichen der Öffentlichkeit verweigerte, war in der Tat nicht anzukommen. Alles, was sie über sich zu sagen habe, sei in ihren Gedichten zu finden, lautete ihre übliche Aussage. Was über sie als Person zu erfahren war, etwa dass sie Vermeer, Fellini und Ella Fitzgerald liebte, gern archäologische Museen besuchte, Menschenmassen verabscheute, bei Gesprächen in kleinem Freundeskreis aufblühte und die Kochkünste ihrer Schwester schätzte, füllt gerade mal eine halbe Seite.

          Mit einem Hauch von Metaphysik

          Sie mochte es besonders, wenn das Gewöhnliche, Banale in den Rang der Kunst emporgehoben wurde - ob in der holländischen Malerei oder in der schwesterlichen Küche. Das versuchte sie auch konsequent in ihrer eigenen Lyrik zu erreichen, und daran hat sich, wie der nun auf Deutsch erschienene Band „Glückliche Liebe“, eine Auswahl aus ihren letzten vier Gedichtsammlungen, zeigt, bis zum Schluss nichts geändert. Auch hier wendet sie sich gern den alltäglichen Dingen zu, denen sie durch dichterisches Können einen Hauch von Metaphysik verleiht: „Nun ja, zum Beispiel diese Kammerlinge. / Sie lebten hier, denn es gab sie, und es gab sie, denn sie lebten. So gut sie konnten, da sie konnten, so gut sie vermochten.“

          Der Reiz von Szymborskas Gedichten liegt vor allem darin, dass sie, um aus Adam Zagajewskis Nachwort zu zitieren, „intellektuell, konzentriert, aber auch witzig, ironisch und - o Wunder - verständlich“ sind. Doch das bedeutet nicht, dass sie auch immer leicht zu interpretieren wären. Einfach und verständlich sind nur die Stilmittel, mit denen sie ihre Gedanken zum Ausdruck bricht, ihre klare, sparsame, von Renate Schmidgall und Karl Dedecius perfekt übertragene Sprache, die aus ihrem Naturell resultierte: „Die Form war ihr wichtig, Chaos mochte sie nicht“, sagt Zagajewski dazu. Aber diese lyrische Sprache entstand auch aus ihrer Überzeugung, dass heutzutage zu viel geredet werde. „Fasse dich kurz. Die Welt ist mit Worten übervölkert“, würde der polnische Aphoristiker Stanislaw Lec sagen. Sie persönlich vertraute vor allem auf den Satz „Ich weiß nicht“. Er sei zwar klein, sagte sie einmal, erweitere aber unser Leben ungemein.

          Wislawa Szymborskas Staunen über den Reichtum und die Vielfalt der Welt war permanent, doch hier, in diesen späten Gedichten, scheint sie diese Haltung besonders zu genießen, weiß sie doch, wie kostbar jeder einzelne, noch so banale Augenblick geworden ist: „Wir leben länger, / aber ungenauer / und in kürzeren Sätzen.“ Und weil mit dem Vergehen der Zeit das Ende um ein weiteres Stück näherrückt. Um so weniger war sie bereit zurückzublicken, und wenn, dann höchstens, um sich selbst als „Teenager“ mit der reifen Wislawa Szymborska zu vergleichen: „Sie weiß wenig - / dafür mit übertriebener Sturheit. / Ich weiß viel mehr - / dafür nicht mit Sicherheit.“

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