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: Plauz, da onkelt's!

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Wer sein Finnland-Bild den Filmen Aki Kaurismäkis entnimmt, ist für die Lektüre der Texte von dessen 1966 geborenem Landsmann Petri Tamminen nicht falsch gerüstet. Bei beiden wird man, um sie in vollen Zügen genießen zu können, eine Vorentscheidung getroffen haben: Es gibt nichts Banales, alles hat Bedeutung; ...

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          Wer sein Finnland-Bild den Filmen Aki Kaurismäkis entnimmt, ist für die Lektüre der Texte von dessen 1966 geborenem Landsmann Petri Tamminen nicht falsch gerüstet. Bei beiden wird man, um sie in vollen Zügen genießen zu können, eine Vorentscheidung getroffen haben: Es gibt nichts Banales, alles hat Bedeutung; und außerdem scheint das Land von einer so niederschlagenden wie meditativen Weite, die sich auf ergreifende Weise in den Köpfen seiner Bewohner niedergesetzt hat. Entweder geben sie tiefe Wahrheiten von sich, vor denen man niederknien möchte, oder sie stieren stumm und schön vor sich hin, was die Vorstellung befördert, man habe es in Finnland hauptsächlich mit Melancholikern zu tun, die außerdem dem Alkohol nicht abgeneigt sind.

          Mit diesen Klischees und noch viel mehr jongliert Petri Tamminen in anziehender Selbstvergessenheit, zuletzt in einer Auswahl von Kurzprosastücken zum Thema "Verstecke" (2005). Überrascht war er, dass man hierzulande seine Leidenschaft, sich zu verbergen, durchaus teilte. Und auch sein zweiter, nach "Der Eros des Nordens" wieder von Stefan Moster ins Deutsche übertragener Roman ist nicht nur nordisch.

          "Mein Onkel und ich" filtert diese kraftvolle Mischung aus Alltag und Weisheit noch durch einen selbst zur Melancholie neigenden Ich-Erzähler. Der hat es sich mit bübischem Trotz in den Kopf gesetzt, in seinem Onkel den Helden zu sehen, dem er nacheifern will. Das ist bemerkenswert, denn dieser Onkel ist durchaus ambivalent, im Alter gar ein Trinker mit religiöser Kehrtwende. Jussi, dem Neffen, geht es aber um wahre Größe; um eine Würde, die sich einstellt bei freimütig ausgesprochenen Sätzen wie diesem: ",Ich müsste immer noch eine Mutter neben mir haben', seufzte mein Onkel, ,so eine sechs Meter große Mutter, die mich am Kopf packt und mich streichelt und sagt, Olli, Olli, Olli.'" Es ist die Größe, eingestehen zu können, dass man sich ganz klein fühlt.

          So betrachtet, ist Petri Tamminens schwerelos zwischen allen Stimmungslagen balancierender Roman ein echter, wahrer Heldenroman. Und der beginnt dort, von wo aus Helden schon immer in die Welt aufgebrochen sind, worüber sie aber nicht gern reden: in der Familie. Die Tanten lesen in Zeitschriften, die Männer werfen mit Pfeilen, der Großvater aber liegt im Sterben und hat noch einen Wunsch: Er will seinen Sarg sehen, bevor er drin liegt. Noch während die Familie herzerfrischend bühnenreif streitet, machen Jussi und sein Onkel Olli sich zusammen mit dessen Freund Myrsky auf den Weg, um das Gewünschte aufzutreiben. Bizarr, diese Ausfahrt eines Männertrios hinaus in die Stadt, wo die Bewohner vermutlich "auch bloß Leute vom Land sind, die zufällig in der Stadt leben". Auch an deren Rändern mag man nicht wohnen. "Alles sah gleich aus, die langen Geraden zwischen den Feldern und die kleinen Ansiedlungen, die schwachen Straßenlampen und die Schilder an den Tankstellen . . . Wenn es dunkel wird, hat es keine Bedeutung mehr, wie der Tag gewesen ist."

          Wohltuend aber hebt sich von der eintönigen Landschaft diese kleine, verrückte Gruppe ab. So, als hätten Tschechowsche Figuren ihr Landgut einmal verlassen, um als unbeobachtete Todessehnsüchtler das Naheliegende zu tun: den endlich gekauften Sarg auszuprobieren, liebevoll darüber zu streichen "wie über eine Motorhaube" (Frauen fehlen hier noch), ihn gar auf dem See schwimmen zu lassen. "Mein Onkel setzte sich in Bewegung, er befahl Myrsky, aus dem Sarg zu steigen und ihn wie ein Boot an Land zu ziehen. Der Bewegungsablauf wirkte so alltäglich und vertraut, daß mich ein seltsames Gefühl überkam." Der Onkel ist für den Jungen ein großes Versprechen und wird ihn retten vor dem "ewigen Langweilerdasein".

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