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Roman von Pierre Lemaitre : Chamäleons sind die besseren Menschen

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Grausam schön: Der Menschenstrom 1940 nach dem deutschen Einmarsch, den André Téchiné in seinem Film „Die Flüchtigen“ (2003) ins Bild gesetzt hat, ist ein zentrales Motiv in Lemaitres Roman. Bild: INTERFOTO

Flucht ins Ungewisse: In seinem Roman „Spiegel unseres Schmerzes“ erzählt Pierre Lemaitre vom französischen Warten auf den Krieg im Jahr 1940.

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          Die „Drôle de guerre“ (das monatelange Abwarten zwischen der französischen Kriegserklärung ans nationalsozialistische Deutschland 1939 und dessen Einmarsch in Belgien 1940) sowie die deutsche Invasion sind undankbare Themen; Frankreich war in jenem Moment nicht in Hochform. Für einen Roman darüber gilt das doppelt, wenn sein heimlicher Held ein Hochstapler vor dem Herrn ist – im Wortsinn: Er gibt vor, ein Pfarrer zu sein. Es kommt folglich auf die Erzählweise an: Schmökert man die letzten 150 Seiten bei ein, zwei Glas Rotwein an einem Abend lustvoll weg, dann ist die Wette gewonnen, und das ist bei „Spiegel unseres Schmerzes“ der Fall.

          Bei Pierre Lemaitre überrascht das kaum: Unter den Goncourt-Preisträgern gehört er zur Erzählerfraktion, die zuletzt mit Éric Vuillard, Nicolas Mathieu, Jean-Paul Dubois und (je nach Einschätzung) Hervé Le Tellier gut vertreten war. Sein Goncourt-Gewinnerroman „Wir sehen uns dort oben“ (2013) hat gezeigt, dass Lemaitre gehobene Unterhaltung mit Kinopotential bietet: einen flotten Plot, sympathische oder schön widerwärtige Figuren, starke Emotionen, poetische Gerechtigkeit – verfilmt durch Albert Dupontel (2017). Der Roman eröffnete eine Zwischenkriegstrilogie, die „Spiegel unseres Schmerzes“ nun schließt.

          Im Strudel persönlicher und historischer Ereignisse

          Die drei Geschichten teilen manche Figuren. „Wir sehen uns dort oben“ schildert die List von Albert Maillard und Édouard Péricourt, zwei Weltkriegsinvaliden, die 1920 Gefallenendenkmäler feilbieten, sich aber mit den Anzahlungen aus dem Staub machen. „Die Farben des Feuers“ erzählt, wie Madeleine Péricourt, Édouards Schwester, nach dem Tod ihres Vaters 1927 mit zwei Schicksalsschlägen, dem Suizidversuch ihres siebenjährigen Sohnes Paul und dem Raub ihres Erbes, konfrontiert wird und sich dafür rächt. Und „Spiegel unseres Schmerzes“ wählt jetzt als Heldin Louise Belmont, die den Lesern aus „Wir sehen uns dort oben“ bekannt ist: als Tochter von Alberts und Édouards Vermieterin, die als Zehnjährige mit Édouard Masken gebastelt sowie „eine ruhige und endgültige Liebe“ geteilt hatte. Nun, im April 1940, wird ihr klar, „dass ihr Leben seit diesem Moment weder einen Schritt weitergekommen war noch sich zurückentwickelt hatte“.

          Doch auf einmal passiert etwas: Der pensionierte Doktor Thirion, Stammgast im Restaurant von Monsieur Jules, in dem Louise kellnert, bietet ihr Geld, um sie ein Mal nackt sehen zu dürfen; beim Anblick ihres Sitzfleisches jagt er sich eine Kugel in den Kopf. Hinterher erfährt sie, dass der Mann Liebhaber ihrer Mutter gewesen war – eine Verbindung, aus der offenbar ein Kind hervorgegangen ist. Der Roman berichtet vom Strudel persönlicher und historischer Ereignisse, in den Louise gerissen wird.

          Militärisches Debakel

          Die Romane eins und zwei der Zwischenkriegstrilogie hatten Vergeltungsplots: Édouard und Albert rächen sich an der Gesellschaft, die sie im Ersten Weltkrieg geopfert hat (und der Leser schaut mit Genugtuung dem Niedergang von Henri d’Aulnay-Pradelle zu, der konkret für den Schlamassel verantwortlich ist); Madeleine rächt sich an denen, die sich an Sohn und Vermögen vergriffen haben. Das Schema ist gleich, auf den tiefen Sturz folgt unerbittliche Vergeltung. „Spiegel unseres Schmerzes“ hingegen ist eine Identitätssuche: Wenn Louise die familiäre Vergangenheit verstehen und ihren Halbbruder kennenlernen möchte, will sie wissen, woher sie kommt und wer sie ist; die einsame Frau findet zudem Gatten und Nachwuchs.

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