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Roman von Pierre Lemaitre : Chamäleons sind die besseren Menschen

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Parallel zu Louise trudeln Figuren durchs Geschehen, die Lemaitre nur am Schluss kurz zusammenführt: Monsieur Jules, der Louises Mutter stumm und verzweifelt geliebt hat, hilft ihrer Tochter; die Soldaten Gabriel und Raoul, die für Louise eine Rolle spielen werden, wursteln sich durchs militärische Debakel, begehen Helden- und Schandtaten; Désiré Migault, der besagte Hochstapler, spielt den Anwalt, den Propagandisten und schließlich den Pfarrer, der ein ganzes Flüchtlingslager versorgt; der Mobilgardist Fernand klaut Millionen, die vor Ankunft des Feindes vernichtet werden sollten, und begleitet einen Gefangenentransport mit Gabriel und Raoul; seine Frau Alice hilft dem falschen Pfarrer. Die historischen Ereignisse sind für manche Überraschung gut, sie brechen in Gabriels und Raouls Warten an der Maginot-Linie ein und zwingen viele auf die Straße nach Süden, gen Orléans und über die Loire.

Flexibler Umgang mit der Wahrheit

Dieser Menschenstrom, den auch André Téchinés Film „Die Flüchtigen“ (2003) in schöne Bilder gesetzt hat, ist ein zentrales Motiv, das eng mit dem Titel verbunden ist: „Der Wagen rumpelte langsam im Strom der Fliehenden voran, der dem Bild des zerrissenen, aufgegebenen Landes entsprach. Überall Gesichter und Gesichter. Ein gewaltiger Trauerzug, dachte Louise, der zum Spiegel unseres Schmerzes und unserer Niederlagen geworden war.“ Die Mehrzahl von „Niederlagen“ macht klar: Die Flucht ins Ungewisse meint Nation und Einzelne gleichermaßen. Die Kombination von Spiegel und Landstraße formt ein Zitat von Stendhals berühmter Formulierung, der zufolge ein Roman ein Spiegel ist, der auf einer Landstraße wandert und bald das Blau des Himmels, bald Schlamm und Pfützen des Weges spiegelt. Tatsächlich, wie sein realistischer Ahnherr stellt Lemaitre soziale Mechanismen und Rollen detailliert dar: das harte Bürgertum in Person von Madame Thirion oder das erniedrigte Volk. Vor allem aber schafft er pittoreske Figuren und lässt der temperamentvollen Handlung die Zügel schießen: Das literarische Erbgut dominieren eindeutig die Feuilleton-Gene eines Alexandre Dumas.

Dazu passt der heimliche Held, der Hochstapler Désiré, Louises Konterpart: Ihrer Identitätssuche steht seine Tarnung gegenüber. Im Informationsministerium findet er seinen Traumberuf, als Zensor mit irrwitzigen Methoden, als Pressesprecher und zuletzt als Monsieur Dupont, anonymer Informant einer Radiosendung, der mittels angeblicher Insiderinformationen die Bevölkerung auf Linie bringt. Den flexiblen Umgang mit der Wahrheit schildert Lemaitre mit subversivem Genuss. Beispiel Versorgungsengpässe: „Es mangelt nicht an Kaffee, denn man bekommt ihn noch. Aber die Franzosen lieben Kaffee, sie bekommen nie genug davon. Da sie nicht immer allen Kaffee finden, den sie gern hätten, haben sie den (natürlich falschen) Eindruck eines Mangels.“ Die spätere Rolle als Pfarrer füllt Désiré ebenfalls überzeugend, aber weit altruistischer aus – und beweist in einem Zeitalter nationalistischen Identitätswahns, dass Chamäleons die besseren Menschen sind.

Désiré ist ein Alter Ego des Schriftstellers: Wie der schlüpft er in alle Rollen, legt ihre Mechanismen offen, ist nie zu fassen. Der Reflektor erzeugt den eigenen Reiz von „Spiegel unseres Schmerzes“, einem Roman, der in der Handlung etwas offener und vielgestaltiger ist als die Vorgänger. Er liest sich einen Hauch weniger flott, ist jedoch komplexer – das Lesevergnügen jedenfalls ist ungebrochen.

Pierre Lemaitre: „Spiegel unseres Schmerzes“. Roman. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 480 S., geb., 24,– €.

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