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Rezension: Belletristik : Onkel Toms Enkel

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Caryll Philipps erinnert an die Geschichte des Menschenhandels

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          Daß das Leben für die aus Afrika eingeschleppten Sklaven Nordamerikas eine Hölle war und selbst ein Mindestmaß an Menschenwürde allein der weißen Hautfarbe zustand - wir glauben, darüber längst genügend zu wissen. Von der Rührseligkeit in "Onkel Toms Hütte" bis zum Kitsch in "Vom Winde verweht" ließ sich das Elend der entwurzelten Sklaven erfolgsträchtig für den Roman ausschlachten. Von weißen Autoren, versteht sich. Aber auch schwarze Erzähler wie Alex Haley ("Wurzeln") haben sich der tradierten Muster der Schwarz-Weiß-Schnulze bedient. Toni Morrison hat dann die Verwundungen des Sklavendaseins authentisch von innen beleuchtet und der schwarzen Literatur in den Vereinigten Staaten damit ein neues Selbstbewußtsein gegeben.

          Auf den Spuren Toni Morrisons und V. S. Naipauls wandelt auch der siebenunddreißigjährige, in Westindien aufgewachsene Engländer Caryl Philipps. "Jenseits des Flusses" erzählt eindringlich von einer dunklen Vergangenheit. Am Beispiel von vier Lebensentwürfen in Form von Briefen und inneren Monologen verhilft er einem traurigen und zärtlichen Chor der Erinnerungen zu beklemmender Wirkung. In den konzentrierten Mitteilungen aus zweihundertfünfzig Jahren ruft er die zerstörerischen Nachwirkungen des Menschenhandels in unser Gedächtnis zurück, der unter dem Mantel christlicher Missionierung und Kolonisierung nur den Eigennutz der weißen Rasse verfolgte.

          Ein Vater verkauft in Not und Bedrängnis seine Kinder. Ein einstiger Sklave und Missionar versucht sich im Liberia des neunzehnten Jahrhunderts an einer Rücksiedelung amerikanischer Sklaven und scheitert jämmerlich. Eine Sklavin, deren Mann und Kind verkauft wurden, flieht in den amerikanischen Westen und erwartet ihren Tod. Ein schwarzer GI-Soldat, der eine Engländerin heiratet, bevor er an der Sizilien-Front fällt, hinterläßt einer fremden Welt einen Sohn (den Erzähler?) als "hoffnungslose Wurzel, in kargen Boden getrieben". Ein knapper, nach dem authentischen Tagebuch des Jahres 1752 rekonstruierter Bericht über die Seereise eines Sklavenschiffes artikuliert das herrische Denken der Weißen und die Qualen ihrer Opfer. Aus den Bausteinen kollektiver Erinnerung ergibt sich ein von eindimensionaler Schuldzuweisung freier, aber gerade in seiner Lakonie frieren machender Gesang von einem Fluß ohne Wiederkehr. Das Buch, das sich nur in der Danksagung am Schluß als Roman zu erkennen gibt, erzählt vom Weiterleben eines zerstörerischen Erbes bis in die Gegenwart.

          Besonders im ersten Teil des Buches, der in Briefen eines afrikanischen Heimkehrers von 1841 an seinen ehemaligen Besitzer die Konfrontation entfremdeter Afroamerikaner mit dem Land ihrer Herkunft beschreibt, versteht es der Autor, mit wenigen plastischen Bildern die Last einer dunklen Vergangenheit auf einfachste Weise sichtbar zu machen. Die makellose Übersetzung aus dem Englischen, die durch die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert wurde, beläßt dem Text seine poetische Unmittelbarkeit. Das auf alle vordergründigen Wirkungsmechanismen verzichtende Protokoll einer quälenden Vergegenwärtigung verrät ein beachtliches erzählerisches Talent. MATTHIAS WEGNER

          Caryll Philipps: "Jenseits des Flusses". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fienbork. Carl Hanser Verlag, München 1995. 257 S., geb., 36,- DM.

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