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Philipp Meyers Roman „Der erste Sohn“ : Nimm dir, was du willst, aber sei bereit, dafür zu sterben

  • -Aktualisiert am

Eli, Patriarch und Titelfigur von Philipp Meyers Familienchronik „Der erste Sohn“, wuchs unter Indianern auf. Unsere Aufnahme eines jungen Navajo stammt von Edward Curtis und entstand um 1900 Bild: Prisma Bildagentur

Ein ehemaliger Finanzhai ist gerade dabei, zu einem großen Erzähler und Chronisten Amerikas zu werden: Philipp Meyers Roman „Der erste Sohn“ ist ein Breitwand-Epos und auf ganz abenteuerliche Weise spannend.

          Landschaften werden unterschätzt. Sie gelten als kulturloser Leerraum zwischen Städten oder dienen als Hintergrund für harmlose Gemälde. Doch Landschaften, bis auf ein paar Kratzer an der Oberfläche seit Äonen unverändert, sind die eigentlichen Machthaber auf unserem Planeten. Mit stoischer Beharrlichkeit formen sie Lebewesen und Lebensweisen. Und geben sie nicht sogar vor, wie sie besungen werden wollen? So wie der verspielte Zickzackkurs des Rheins den lyrischen Ton und schwülstige Nixenromantik fordert, so lassen die weiten amerikanischen Prärien und gigantischen Plateaus, will man ihnen gerecht werden, nur die Form des schwartendicken Epos zu.

          An „Once Upon a Time in the West“-Sagas herrscht fürwahr kein Mangel, aber das, was Philipp Meyer nun mit dem fünf Generationen übergreifenden Familienroman „Der erste Sohn“ vorgelegt hat, ist ein Novum, weil es dem letzten Aufbäumen des „Wilden Westens“ in Texas ohne falsche Verklärung einer der einander jahrzehntelang befehdenden Parteien – Indianer, Texaner und Mexikaner – in geradezu fotorealistischer Drastik ein Denkmal setzt, vor dem man schon allein aufgrund des verarbeiteten Recherchematerials nur den Hut ziehen kann.

          Spannung und Blutvergießen

          Zudem kann Meyer Figuren entwerfen, die sich dem Leser nicht anbiedern. Und doch wirkt nichts an diesem wissensprallen Roman, in dem man insbesondere über indianische Gebräuche sehr viel lernen kann, langweilig oder belehrend, im Gegenteil. Meyer setzt in einem Ausmaß auf Spannung und Blutvergießen, dass man die sechshundert Seiten mit fast schon schlechtem Gewissen einfach wegschmökert wie den dicksten Karl-May-Band.

          In diesem Versuch, das amerikanische Wesen aus seiner Genealogie zu erklären, einer „Great American Novel“ also, ist Moral keine allzu wichtige Kategorie, sieht man davon ab, dass Meyer einer letztlich entwürdigenden Indianer-Idealisierung entgegentritt. Die hier in all ihrer Binnendifferenzierung dargestellten Indigenen nämlich vergewaltigen und töten ebenso gnadenlos, wie es die Cowboys tun, wenn auch – vielleicht doch ein kleiner Restbestand an Heroisierung – nicht aus Mordgier oder Rache

          Am nächsten an eine Grunderkenntnis kommt denn auch die mehrfach wiederkehrende und durch ein Edward-Gibbon-Motto (es hätte auch Oswald Spengler sein dürfen) gestützte Aussage heran, dass die Geschichte eine endlose Abfolge von einander auslöschenden Imperien darstelle: Die zahlreichen Indianerstämme in Amerika haben schließlich zunächst die Mogollon-Kultur vernichtet. „Sie alle wurden von den Apachen ausgelöscht. Die wiederum, jedenfalls in Texas, von den Comanchen ausgelöscht wurden. Die schließlich von den Amerikanern ausgelöscht wurden.“

          Kulturelle Vermischung auf mehreren Ebenen

          Wenn es dabei überhaupt eine Schuld gibt, verteilt sie sich gleichmäßig auf alle Ethnien und Imperien. Allerdings widerspricht die Erzählung dieser alles Individuelle einebnenden Dekadenzthese im Detail dann doch. Außerdem ist nicht die Überwindung einer denselben Lebensraum besiedelnden Kultur hier das eigentliche Thema, die alte Western-Thematik, sondern vielmehr die Vermischung der Kulturen, und zwar gleich auf mehreren Ebenen. Der Hauptprotagonist und Stammvater der McCullough-Dynastie, Eli McCullough, geboren 1836 kurz nach der Unabhängigkeit der Republik Texas von Mexiko, daher „der erste Sohn“, wird mit dreizehn Jahren von Comanchen entführt, die seine Mutter und seine Schwester fürchterlich misshandeln und töten („Sie hatten ihr die Brüste abgeschnitten und die Eingeweide herausgerissen“).

          Eli, ein Draufgänger schon als Jugendlicher, der sich für das Gejammer des schöngeistigen Bruders schämt und es folgerichtig zu finden scheint, dass die Comanchen auch diesen schließlich mit ihren Lanzen durchbohren („Ich wusste, ich sollte aufstehen und meinem Bruder helfen,...doch ich wollte nicht“), wächst drei Jahre bei den Indianern auf und wird einer von ihnen, indem er sich durch Mut und Härte den Respekt seiner neuen Familie verdient: Er reitet mit auf Beutezüge und skalpiert seine Opfer.

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