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Philipp Meyers Roman „Der erste Sohn“ : Nimm dir, was du willst, aber sei bereit, dafür zu sterben

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Nun tötet er eben beherzt Indianer

Als ein unbezwingbarer Gegner – die Pocken – seine Gruppe arg dezimiert hat, kehrt Eli zu den Weißen zurück, ohne dort wirklich Anschluss zu finden. Ein kitschiger Roman hätte hier den edlen Wilden im Weißen hervorgekehrt: Meyer tut das Gegenteil, er zeigt einen Entwurzelten, der an der Gesellschaft scheitert. Die einzige Tätigkeit, bei der Eli die vertraut gewordene Lebensweise fortsetzen kann, ist das (durch ein Fehlverhalten erzwungene) Anheuern bei den Texas Rangers. Nun tötet er eben beherzt Indianer.

Einige Zeit später aber bemerkt Eli, dass eigentlich eine ganz andere Gruppe von Westlern ähnliche Freiheiten genießt, wie er sie bei den Comanchen kennenlernte: die Reichen. Und mit der Energie, Rücksichtslosigkeit und Opferbereitschaft eines geborenen Patriarchen, inzwischen Colonel genannt, gründet er eine der großen, sklavenbewirtschafteten Texas-Ranches, die zunächst mit der Rinderzucht und später mit Erdölförderung ein Vermögen erwirtschaften.

Seine Zeit bei den Comanchen scheint Eli unverwundbar gemacht zu haben, aber doch fragt man sich, ob er nur eine der beiden Hauptlektionen von seinem Ziehvater Toshaway gelernt hat. Dieser hatte ihm erklärt, es sei natürlich, anderen wegzunehmen, was man haben wolle. Einzig die Weißen aber glaubten, das Gestohlene gehöre ihnen; einzig sie seien erstaunt, wenn sie ihrerseits dafür getötet würden. Die zweite, von Eli kaum angenommene Lektion lautete, dass man einen Feigling daran erkenne, dass er nur sich selbst liebe.

Erzählt wird die Familiengeschichte auf mehreren Zeitebenen zugleich, was narrativ eher schlicht, spannungstechnisch aber sehr effektiv ist. Abwechselnd kommen Eli, sein ganz anders gearteter Sohn Peter sowie die wiederum höchst ehrgeizige, ein Erdölimperium befehligende Urenkelin Jeanne Anne, die sich am Sexismus ihres eigenen Umfelds aufreibt, zu Wort. Dank des klugen Arrangements erklären sich viele der angeschnittenen Themen und Familiengeheimnisse erst nach und nach.

Peter ist in jedem Sinne die Antithese zu seinem Vater, ähnelt eher dessen hingerichtetem Bruder. So leidet er offenbar als Einziger am Rassismus im Frontier-Gebiet, der zu immer größeren, diesmal vor allem die Mexikaner treffenden Eruptionen führt. Weil er aber nicht aufzubegehren wagt, protokolliert er im Tagebuch, was geschieht – und wie er doch stets mit den Starken kollaboriert. Das ist ein hinterhältiger Sprengsatz im Roman: die einzig anständig, ja modern wirkende Figur ist ein Schwächling, ein kastrierter Umfaller.

Einer der wichtigsten Chronisten Amerikas

Ein Sündenfall steht im Zentrum von Peters Tagebucheinträgen, ein Massaker der McCulloughs und ihrer Verbündeten an den befreundeten Nachbarn, den Garcias, deren Besitz sich die Mörder unter allgemeinem Beifall angeeignet haben. Doch eine Überlebende gibt es, und ausgerechnet diese sucht Peter eines Tages auf. Es droht eine Vermischung ganz eigener Art.

Philipp Meyer wird man Ängstlichkeit kaum vorwerfen können, er schreibt in voller Rüstung. In seinem ersten Leben war Meyer Wall-Street-Händler, der mit Derivaten hantierte und plötzlich im Geld schwamm. Seine im Jahre 2010 in der Zeitschrift „Literaturen“ erschienene, heute im Netz einsehbare Abrechnung mit einer dekadenten Finanzwelt – höchste Achtung genießt dort Meyer zufolge das Erbrechen Tausende Dollar teurer Menüs auf Unbeteiligte – ist eine faszinierende Lektüre.

Mit „Rost“, seinem fulminanten Romandebüt über den amerikanischen „Rust Belt“, die verfallende Industrieregion im Nordosten der Vereinigten Staaten, wurde Meyer auf Anhieb zu einem der wichtigsten Chronisten Amerikas, der in einem Atemzug mit Faulkner und – neuerdings – Cormac McCarthy genannt wird.

„Der erste Sohn“ nun zeigt uns, wie eine Denkweise, die republikanische, aus einer Zeit und einer Landschaft heraus entsteht, ohne diese Zeit zu beschönigen oder einmal mehr im Namen des metrosexuellen, intellektuellen New York (die auch in Europa beliebteste Brille für den Blick nach Übersee) über den bis heute lebendigen, bewaffneten Pioniergeist Gericht zu halten. Man mag es nach der Lektüre fast glauben: Die Dynastien, Stämme und Imperien werden weiter kommen und gehen, und das stets mit Gewalt; aller Glaube an den ordnenden, bändigenden Eingriff ist Selbstbetrug. Halten wir uns lieber an das, was bleibt: die Landschaft.

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