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Neuer Thriller von Philip Kerr : Geldgier, Gangster und ein Übermensch

So friedlich, als schliefe er nur – oder ist er doch vielleicht tot? Arsenal-Spieler Olivier Giroud hat diese Kollision zum Glück überlebt. Bild: Imago

Ein Roman aus dem Inneren des internationalen Profifußballs: In Philip Kerrs Thriller „Der Wintertransfer“ wird ein Trainer ermordet. Die Handlung birgt eine innere Wahrhaftigkeit.

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          Für diesen Roman sollte man Fußball lieben. Oder wenigstens verabscheuen, das geht zur Not auch. Aber die Begeisterung für das Spiel ist doch die bessere Voraussetzung, um an gut vierhundert Seiten bis zum Ende dranzubleiben, auf denen, neben einigermaßen rüden und tödlichen Geschehnissen, immer wieder ganze Spielpassagen und -züge geschildert werden; das muss man schon mögen. Das Buch ist keineswegs nicht der erste Thriller, mit dem der britische Bestsellerautor Philip Kerr international antritt. Auch mit „Der Wintertransfer“ wird er zweifellos reüssieren, zumal angesichts der breitflächig ansteigenden Zuneigung, derer sich Fußball erfreut. Der Titel spielt auf das Zeitfenster im Januar an, während dessen gemäß den Uefa-Regeln Spieler von den Vereinen gekauft und verkauft werden dürfen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es geht um den Club London City, den es, jedenfalls in der englischen Hauptstadt, nicht gibt. London City spielt oben in der Premier League mit. Die nötigen Mittel investiert der russische Milliardär Viktor Sokolnikow, der dafür freilich im Hintergrund massiv mitmischt. Wer bei Sokolnikow an Roman Abramowitsch denkt, der 2003 den FC Chelsea kaufte, liegt natürlich goldrichtig. Bloß, dass der kunstsinnige Abramowitsch (jedenfalls wahrscheinlich) nicht vor fünf Jahren für gut hundert Millionen Dollar Giacomettis lebensgroße Skulptur „L’homme qui marche“ ersteigert hat, die in der Eingangshalle von Sokolnikows Londoner Haus dekorativ herumsteht.

          Loveliness und Trainerlizenz

          London City hat einen portugiesischen Trainer von nachgerade machiavellistischem Naturell, João Zarco. Wer bei Zarco an José Mourinho denkt und dessen Karriere bei FC Chelsea, bitte schön. Der Unterschied liegt aber dort, wo Zarco unter ungewöhnlichen Umständen vom Leben in den Tod befördert wird. Scott Manson ist zu Beginn der Geschichte der Co-Trainer bei London City, später tritt er Zarcos Amt an; außerdem macht ihn Sokolnikow zum Ermittler in der Mordsache, in wenig idealer Konkurrenz zur Londoner Polizei.

          Philip Kerr.
          Philip Kerr. : Bild: dpa

          Philip Kerr inszeniert seinen Ich-Erzähler als einen ziemlichen Über-Mann, verletzlich, attraktiv, gebildet, sportlich, erotisch. Seine Brillanz, gepaart mit einer sehr speziellen Biographie, ist manchmal ein bisschen zu viel, zumindest für eine Leserin. Mansons Vater ist Schotte und ehemaliger Fußballprofi, seine Mutter eine einstige deutsche Hochsprungkoryphäe, Tochter eines afroamerikanischen Air-Force-Offiziers in Ramstein und einer Frau aus Kaiserslautern. Weshalb Manson „dunkelhäutig“ ist, „eher Typ David James oder Clarke Carlisle, nicht Sol Campbell oder Didier Drogba, aber ich denke, das ist nicht ganz unwichtig“.

          Kerr untermauert die innere Wahrhaftigkeit

          Damit hat er erstens recht, und zweitens kann man sich den Mann nun ganz gut vorstellen. Seine loveliness wird ergänzt durch die Trainerlizenz der Uefa, die ihn zum Trainee von Pep Guardiola beim FC Barcelona machte und dann zum Assistenztrainer-Trainee bei Bayern München unter Jupp Heynckes. Man kann nicht sagen, dass Kerr keine Achtung vor dem deutschen Fußball hätte.

          F.A.Z.-Forum Fußball : Macht Geld den Fußball kaputt?

          Einen Gutteil vom Reiz der Story macht die Durchmischung der Fiktion mit realen Elementen aus. In einem Vorwort stellt Kerr klar, dass sein Informant ein (vermutlich prominenter) Fußballtrainer war, den er von jeder Haftung für eventuelle Fehler freispricht - womit er die innere Wahrhaftigkeit, die Wahrscheinlichkeit seiner Geschichte nur noch untermauert.

          Männern beim agonalen Spiel zuschauen

          Dabei geht es Kerr weniger um eine kriminalistische Stringenz bis zur Lösung des Mordfalls, die Scott Manson tatsächlich gelingt. Als vielmehr um die Entfaltung diverser, extrem unterschiedlicher Milieus, die sich um das Spiel herum gruppieren. Sie haben nicht nur massive Auswirkungen auf dessen unmittelbare Teilnehmer, die Spieler und ihre Betreuer und Trainer, sondern weiter in die Gesellschaft hinein. Das wird im perfekt auf Spannung getrimmten Roman absolut klar. Denn nicht nur das Privatleben des schönen Scott Manson leidet arg unter der Dynamik des Geschehens (wenngleich nicht allzu nachhaltig), sondern auch an der Oberfläche unbeteiligte Personen werden fatal darein verstrickt.

          Im Ganzen ist das so, wie man sich Fußball, hinter und in den Kulissen, schon immer vorgestellt hat. Also ziemlich brutal, aber enorm anziehend. Bevölkert von einer Menge Geldgieriger und Gangster. Ihnen halten elegante Intelligenzbestien wie João Zarco und Scott Manson die Balance, denen problemlos Sätze zur Verfügung stehen wie „Wenn ich mit Ihnen fertig bin, haben Sie keine Eier mehr“. Bestens gekleidet sind beide Gruppen. Frauen können den „Wintertransfer“ mit einigem Vergnügen lesen. Jedenfalls, wenn sie Männern gern beim agonalen Spiel um den Ball zusehen.

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