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: Pferd und Engel warten am Tor

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Innerhalb weniger Monate sind gleich zwei Bücher von Lizzie Doron erschienen. Das erste mit dem Titel "Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?" enthält ergreifende Erinnerungen an ihre Mutter, eine Holocaustüberlebende, die ihre Tochter unter großen Schwierigkeiten im Tel Aviv der Gründerjahre aufgezogen hat.

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          Innerhalb weniger Monate sind gleich zwei Bücher von Lizzie Doron erschienen. Das erste mit dem Titel "Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?" enthält ergreifende Erinnerungen an ihre Mutter, eine Holocaustüberlebende, die ihre Tochter unter großen Schwierigkeiten im Tel Aviv der Gründerjahre aufgezogen hat. Auch in "Ruhige Zeiten" schreibt die Autorin über Menschen, die aus dem von Hitler zerstörten Europa nach Israel geflohen sind, doch sind es keine persönlichen Erinnerungen mehr, sondern es ist ein Roman, die Schilderung einer ganzen Generation von Einwanderern, die in ihrer altneuen Heimat nie richtig angekommen sind.

          Ihre Welt sehen wir durch die Augen Leas, einer alternden Frau, die keinen Familiennamen zu haben scheint. Den Krieg hat sie als Kind überlebt, nach Israel hat man sie aus einem polnischen Waisenhaus gebracht, den Namen ihrer ermordeten Eltern kennt sie kaum. Lea, so hören wir einmal, hat "Zucker" geheißen, ein andermal spricht man sie als "Frau Bittermann" an. Aber beides, sowohl ihr Mädchenname als auch der Name ihres Mannes, fällt von ihr ab. Ihr Mann ist schon vor vierzig Jahren gestorben, aus der kurzen Ehe ist ein Sohn hervorgegangen, und auch der ist ausgewandert, er lebt im weitentfernten Amerika: Lea trägt keinen Familiennamen, weil sie keine Familie hat.

          Lizzie Doron erzählt von ihrer Einsamkeit vor dem Tod. Die Handlung des Romans setzt ein, als auch Sajtschik stirbt, der Friseur, in dessen Salon sie über dreißig Jahre als Maniküre gearbeitet hat. Er war ein Freund ihres Mannes gewesen, und er lehrte sie die Kunst des Überlebens, indem er ihr einen Beruf gab. Mit seinem Tod ist Leas Existenz plötzlich bodenlos geworden. Aus der Wirklichkeit, in der sie keinen Ort mehr findet, zieht sie sich in die Erinnerung zurück, und was wir lesen, ist ihr langer innerer Monolog. "Dieses Buch", so lautet sein Motto, "ist Menschen gewidmet, an die sich niemand erinnern wird": Lea setzt den Vergessenen ein Denkmal.

          Es ist die Kunst Lizzie Dorons, die Erniedrigten in unser Gedächtnis einzuschreiben, indem sie sie für sich selbst sprechen läßt. Keine nachgeborene Israeli kommt hier zu Wort, keine allwissende Erzählerin, die von sicherer Warte aus auf Menschen zurückblickt, die nicht mehr heimgefunden haben, sondern es ist die alternde Lea selbst, die uns in ihre Welt einführt. Die Erzählung schafft keine Distanz, keine "Bewältigung" einer Vergangenheit, von der man in Israel lange nichts wissen wollte, sondern sie schafft eine beunruhigende Intimität: Unerwartet bricht mit Leas Erinnerung eine wortlose Generation in die Gegenwart des Lesers ein.

          Aber diese Erinnerung überfällt ihn nicht, sie zwingt ihn nicht in die Defensive. Lea steht in ihrer ganzen Schwäche vor dem Leser, und gerade diese Schwäche, so nimmt man überrascht wahr, ist ihre Stärke. Auch Sajtschik, ihr Lehrer und Arbeitgeber, ist ein Überlebender der Lager gewesen, ein schöner, stets elegant gekleideter Mann, der die Auschwitznummer auf seinem Arm zu verdecken suchte. Jahrzehntelang hat Lea ihren Retter geliebt, daraus macht sie kein Geheimnis. Weshalb also hat Sajtschik, der ewige Junggeselle, sie nicht geheiratet?

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