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: Pferd und Engel warten am Tor

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Manches, was Lea erzählt, deutet bereits an, daß er homosexuell war, und am Ende wird es auch ausgesprochen. Nach der Beerdigung kommt Etan, Leas Sohn, aus Amerika zu Besuch, und was Lea zuvor ausgespart hat, spricht er deutlich aus: "Sie waren zusammen", sagt er über Sajtschik und den Kibbuznik Mordechai. "Nur deinetwegen haben sie es geheimgehalten, Sajtschik hatte Angst, daß es dich umbringen würde. Nur für dich war es ein Geheimnis. Alle, alle haben die Wahrheit gewußt." Und Lea gibt zur Antwort: "In allem, was Sajtschik betrifft, kenne nur ich die Wahrheit. Nur ich weiß, wer Sajtschik war, und du, du hörst jetzt auf mit diesem Unsinn." Wer hat recht, Etan oder seine Mutter? Leas Perspektive beherrscht den Roman, aber hier schürzt sie einen erstaunlichen Knoten. In der von ihr selbst erzählten Welt stößt Lea an die Grenzen dessen, was man je über andere Menschen wissen kann, und der Leser steht vor einer unlösbaren Frage: War ihre Hoffnung auf den Mann Sajtschik nur die Fata Morgana einer Überlebensstrategie?

Diese Frage betrifft nicht nur das persönliche Schicksal einer einzelnen Frau, sondern einer ganzen Generation. Vor vierzig Jahren hat Lea ihren Mann verloren, der Sohn wächst ohne Vater auf, und am Ende verliert sie auch ihn. Die Hoffnung, mit Sajtschik eine neue Ehe einzugehen, ist die Sehnsucht nach dem Zurückholen der einst zerstörten Familie, und sie bildet die Grundkonstellation des Romans. Unbewußt sucht auch Lea selbst nach ihren nie gekannten Eltern. In Rosa, einer alten Frau, die ständig liest, findet sie eine Ersatzmutter, die ihr die Liebe zu den Büchern einflößt. "Das war die schönste Zeit in meinem Leben", heißt es. "Zusammen mit ihr ging ich in die Bücherei, und zusammen lasen wir Märchen. Ich lernte sie richtig auswendig, die Geschichten von Schneewittchen, Aschenputtel, Dornröschen."

Die Rückkehr in eine nie gewesene Kindheit findet jedoch nur in den Märchen statt. In der Wirklichkeit geht es härter zu, und Ida, eine Nachbarin, sehnt ihren Tod herbei. Die Deutschen, so erzählt sie es Lea, haben ihre Familie erschossen, und sie selbst hat nur überlebt, weil der Mantel ihres Vaters sie verdeckte. Zuerst jedoch haben sie das Zugpferd erschossen, das dem Vater gehörte, und Ida fragte ihn noch, warum sie das taten. "Es ist ein jüdisches Pferd", antwortet der Vater. "Sie schicken es zum Garten Eden, damit es uns, wenn wir ankommen, am Tor erwartet, es wird uns zum Thron Gottes bringen, und dort werden uns die Engel empfangen."

Lizzie Doron, 1953 geboren, gehört zur selben Generation wie David Grossman, aber sie hat erst spät zu schreiben begonnen. Dem Schicksal der Holocaustüberlebenden begegnete man in Israel lange Zeit mit Schweigen, doch immer stärker ist es inzwischen von Autoren in den Blick genommen worden, die sich kritisch mit der Geschichte ihres Landes auseinandersetzen. Schnell werden Lizzie Dorons Bücher nun nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland bekannt. Im Jahr 2003 wurde ihr Roman "Ruhige Zeiten" mit dem Buchman-Preis ausgezeichnet, den die Gedenkstätte Yad Vashem vergibt.

JAKOB HESSING

Lizzie Doron: "Ruhige Zeiten". Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 176 S., geb., 16,80 [Euro].

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