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Wawerzineks „Liebestölpel“ : Ein armer Vogel, nicht zu heilen

  • -Aktualisiert am

When the going gets tough, the tough get going: Peter Wawerzinek Bild: Wonge Bergmann

Auf den Mutterverlust folgt eine schwierige amouröse Biographie: Peter Wawerzineks „Liebestölpel“ ist ein weiterer Roman über eine Verlorenheit, von der es keine Erlösung gibt.

          3 Min.

          „Mein Leben lang bin ich zerstört, fühle mich von allen Menschen verlassen, atme auf, fühle mich frei.“ In der vermeintlichen Widersprüchlichkeit dieses Satzes offenbart sich das ebenso verzweifelte, liebesdürstende wie flatterhafte Wesen von Peter Wawerzineks auch in dessen jüngstem Roman „Liebestölpel“ unverkennbar autobiographisch grundiertem Erzähler-Ich. Nicht nur die gefiedernahen Titel sind geblieben von Vorgängerromanen wie „Rabenliebe“ und „Schluckspecht“, auch das Schicksal des Protagonisten, der, wie sein Autor, von der Mutter, die in den Westen floh, zurückgelassen wurde und in einem Waisenhaus in der DDR aufwachsen musste.

          Der Vogel steckt auch in Wawerzineks jüngstem Roman nicht nur im Titel, sondern wird zum Sinnbild. Der Tölpel zeichnet sich – ähnlich der im Roman als in ihrem Beziehungsverhalten als äußerst kompliziert beschriebenen Trottellumme – durch den ungeschickt und wacklig anmutenden Gang auf festem Boden aus, wohingegen er ein exzellenter Segelflieger ist. Ähnlich steht es um den Erzähler, der in einem mit Märchen- und Liedgutgirlanden durchzogenen Präsens durch die Jahre und Jahrzehnte seines Lebens rast und der in ebenjenem ins Straucheln gerät, sobald der Stillstand droht. Ob nun sein Verdingen als Hilfsarbeiter, seine ersten Schritte als Schriftsteller oder der Untergang der DDR – Wawerzineks Erzähler stürzt durch die Ereignisse.

          Vielleicht ist „Liebestölpel“ der tragischste der drei Romane Wawerzineks, und das nicht etwa, weil sich an den Mutterverlust eine punktuell erfüllte, aber immer wieder sich entziehende, abbrechende Liebe anschließt. Lucretia heißt die Angebetete, die im selben Heim wie der Erzähler aufgewachsen ist. Ein Schicksal, das die beiden lebenslang verbindet, wenngleich Lucretias Rastlosigkeit noch weitaus stärker zu sein scheint als die seine. Schon als Kind wird sie für ihn die ewig enteilende Verführerin: „Ich bin auf meinem Dreirad unterwegs, setze den Zöpfen nach. Feste Zöpfe. Glänzende Strippen an ihrem runden Kopf, wie bei hoppelnden Häschen. Sie läuft mir voraus mit ihrem Lachen. Die Zöpfe rufen mir zu: Fange uns ein! Wie hundert Münder nicht rufen.“

          Peter Wawerzinek: „Liebestölpel“. Roman. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2019. 304 S., geb., 20 Euro.
          Peter Wawerzinek: „Liebestölpel“. Roman. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2019. 304 S., geb., 20 Euro. : Bild: Galiani Verlag

          Eindringlicher als der Ruf von hundert Mündern wird die Verlockung durch die unstete Lucretia bleiben. Keine andere Beziehung, die der Erzähler eingeht, ist vor ihr sicher. Selbst die Familie samt zwei Neugeborenen nicht, in die der Erzähler mehr hineingerät, als dass er sie gründet. Sobald Lucretia wieder einmal auftaucht, will er unmittelbar alles andere aufgeben. Die Kindheitsfreundin selbst ist es, die ihn zu Stetigkeit ermahnt: „Ich lebe mit ihr nur zusammen, weil Lucretia sagt, ich solle nach Hause gehen. Petkowitsch, du sollst dich nun um die Familie kümmern. Nur um Lucretia zufriedenzustellen, gehe ich zu Eris und meinen Kindern und führe in vielerlei Hinsicht ein Doppelleben.“

          Die Trennung von Eris folgt dennoch – und ein Fortleben als abwesender Vater, entgegen dem Rat eines Freundes, der ihn mahnte, den Nachwuchs besser zu betreuen, als es ihm selbst im Heim widerfahren ist, denn womöglich könne er auch sich selbst auf diese Weise zumindest ein Stück weit heilen.

          Aber die Wunden des Erzählers bleiben. Und nicht nur diese. Offenbar kann er nicht anders, als auch andere zu verletzen, indem er dem eigenen Schmerz vor allem mit Freiheitsdrang begegnet. Eben noch verzweifelt, jetzt schon wieder aufatmend. „Die Kinder tun mir manchmal leid, dass sie so auf ihren Vater verzichten müssen.“ Manchmal, immerhin.

          Zu sehr auf die eigenen Verletzungen geschaut

          Auch mit Lucretia wird Petkowitsch, wie diese ihn nennt, noch ein Kind bekommen. Aber nur wer die existentielle Versehrtheit nicht wahrhaben will, könnte für Momente annehmen, dass dadurch nun doch etwas befriedet wird. Die eigentliche Katastrophe, die die Tragik dieses Romans ausmacht, steht noch aus. Denn während der Erzähler, wie es gleich auf der ersten Seite von „Liebestölpel“ heißt, sich fester und unwiderruflicher gepackt und gefangen gesetzt von Lucretia meint, als die stärksten Hände es könnten, merkt er lange Jahre nicht, dass ihre Fluchten voll abgründiger Verzweiflung sind, auch wenn, wie die erste kindliche Verfolgungsjagd, Lachen sie begleitet.

          Mag sein, er hätte sie ohnehin nicht retten können. Vielleicht hat er aber auch zu sehr auf die eigenen Verletzungen geschaut. Lucretias letzte Flucht wird eine endgültige sein. Womöglich muss der Erzähler deshalb so rasen, weil ihm bevorsteht, das unerhörte Ereignis, auf das alles hinausläuft in diesem Roman, aussprechen zu müssen, und weil er diese als übermächtig erscheinende Klippe möglichst bald hinter sich bringen möchte.

          Peter Wawerzinek: „Liebestölpel“. Roman. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2019. 304 S., geb., 20 Euro.

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