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Peter Seeberg: „Die Nebenpersonen“ : Verloren hinter Kulissen

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Peter Seeberg (1925 bis 1999) zählt zu den bedeutendsten Autoren Dänemarks. In seinem Roman "Die Nebenpersonen" von 1956, der jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt er von den Ufa-Filmstudios 1943.

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          Die wenigen Beschreibungen Berlins in diesem Roman von 1956, der jetzt übersetzt wurde, sind eine Mischung aus Döblins „Alexanderplatz“ und proletarisch-revolutionären Sachen wie „Barrikaden am Wedding“: „Ab und zu donnerte ein Diesellastwagen mit blendenden Lichtern vorbei, auf der Hauptstraße näherten sich die Straßenbahnen stöhnend, blau erleuchtet und mit einem Ausdruck der Verlassenheit. Hinter dieser Häuserfront rechts ratterten die S-Bahn-Züge schneller, schneller, als wollten sie weit weg in die Nacht und nicht nur bis Neukölln und Westkreuz.“ Das ist ein wenig pastos und viril gesagt, aber Worte wie „Verlassenheit“ und „weit weg“ sind dann doch Indizien für tiefere Daseinsfragen. Die Stimmung ist existentialistisch, der Titel klingt wie ein Romantitel von Moravia: „Die Gleichgültigen“; ein späterer Moravia-Roman hieß „La Noia“, wörtlich: die Langeweile. Solche Titel verraten mit einem Wort das Thema des Buchs, das ist bei Seeberg nicht anders, „die Nebenpersonen“ sind Chargen und bewegen sich zwischen Gleichgültigkeit und Langeweile, überdies in einer Welt, deren Material realistisch und deren Kern symbolisch ist.

          Es sind Zwangsrekrutierte aus ganz Europa, die in den Ufa-Studios in Berlin-Tempelhof Kulissen schieben, selbst das Reale da draußen, die Stadt, wird vor ihren Augen zur Kulisse. Eine Szene soll gedreht werden, die nicht fertig wird (laut Seeberg handelt es sich um den Revuefilm „Die Frau meiner Träume“), es ist November 1943, der Krieg ist für die Deutschen verloren, ständig muss man mit Bombardements rechnen, außer bei bedecktem Himmel. Dann ist man sicher, aber: „Was zum Teufel sollst du hier in der Welt tun, wenn nicht was passiert. Man langweilt sich . . .Dann ist es doch besser, getötet zu werden.“

          Der einzige Ausweg: Kahlschlag

          Mit Heldentum hat das natürlich nichts zu tun, die Helden sind woanders, man lebt hier neben dem Leben her. Aber die Entfremdung der Kulissenarbeiter ist nicht gesellschaftlich bedingt, sondern Ergebnis der historischen Situation. Und sie werden nicht durch ihr Handeln, sondern durch das charakterisiert, was sie zu- und übereinander sagen, das Buch ist ein Dialogroman, und es ist nicht leicht, da durchzusteigen. Die Figuren werden zu einer Menge von Nichtindividuen. Zwei ragen heraus, der Däne Sim und ein namenloser Balte. Sim (lat.: „ich sei“), das Alter Ego des Autors, ist freiwillig hier, um „ein Mann zu werden“, doch bei seiner absurden Arbeit fühlt er sich immer nutzloser. „Der Balte“ ist eine Art Kaspar Hauser, so sieht er sich selbst, geschichts- und heimatlos, er hält das für einen Vorteil. Er ist der pure Mensch, und es ist leicht nietzscheanisch, wenn er über die Menschen sagt: „Man musste ihnen alles nehmen, dann wurden sie wirklich.“

          Peter Seeberg, einer der bedeutendsten Autoren Dänemarks, der vor zehn Jahren starb, wurde 1925 bei Hadersleben in Nordschleswig geboren. Er sprach perfekt Deutsch, als er 1943, mit achtzehn, nach Berlin ging, um das Leben kennenzulernen. Es ging daneben, wie sein Roman zeigt. Das spiegelt sich in einem nüchternen, untertreibenden Stil. Obwohl die Berlin-Passagen an Agitprop-Romane erinnern und die Helden, die aber keine Helden sein können, Arbeiter sind, bleibt hier als einziger Ausweg der Kahlschlag.

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