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Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter : Die Tragödie einer Glückssucherin

Bild: Kiepenheuer & Witsch

Peter Schneider, Chronist und Romancier der Studentenrevolte, hat die Briefe seiner Mutter gelesen - und nicht nur eine große Liebende darin entdeckt. Die Briefe erzählen auch die Geschichte seiner eigenen Kindheit.

          4 Min.

          Zuletzt, kurz vor dem Ende, wird die Liebende aggressiv. „Ohrfeigen möchte ich dich, rechts und links“, schreibt sie an den Geliebten, der sie hingehalten, gekränkt und schließlich auf kalte Weise brüskiert hat. „Ins Nichts gestoßen“ habe er ihre „liebenden Kräfte“, der Herr Operndirektor aus Hamburg, und ihre Sehnsucht „mit Dreck“ beworfen. „So, jetzt ist mir bedeutend wohler!“ Aber das Wohlgefühl hält nicht vor. Der reinigende Zorn verzieht sich, das Paar, das keines sein will, trifft sich aufs Neue, und wenig später ist die Briefschreiberin schwanger. So liebt, so siecht sie dahin.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Liebesverliererin, die Frau, die mit ihren Ansprüchen auf seelisches Glück und körperliche Erfüllung an ihren Mitmenschen scheitert, ist seit Flauberts „Madame Bovary“ eine Zentralgestalt der Literatur. Thomas Mann hat sie in seiner Novelle „Die Betrogene“ ironisch aktualisiert, und Christa Wolf hat ihr in „Kein Ort. Nirgends“ in der Maske der Karoline von Günderrode noch einmal historisches Leben eingehaucht. Seitdem aber ist das Bovary-Motiv, parallel zum Verfall des Melodrams im Kino, aus der Phantasie der Schriftsteller verschwunden. Zwar gibt es Bücher über Frauen (und Männer), die sich unglücklich verlieben, aber kaum eine geht an ihren Gefühlen zugrunde.

          Mit der ganzen verzehrenden Kraft des Herzens

          Genau darin aber liegt das Wesen und die Wahrheit dieser Figur. Sie verweigert sich der Gesellschaft, die ihren Glückshunger mit Konsumangeboten stillen will, sie stirbt an ihrer Sehnsucht, statt sie in Rentenansprüche einzutauschen. Sie ist das Echo des Mythos in der säkularisierten Welt, der leibhaftige Einspruch gegen das Versprechen der Moderne, dass irgendwann jeder bekommt, was er braucht.

          Der Schriftsteller Peter Schneider hat die Liebesverliererin jetzt in einem Konvolut von Briefen aus den vierziger Jahren wiedergefunden. Sie ist keine literarische Erfindung. Sie ist seine Mutter. Diese Frau, die im Jahr 1950, als Schneider acht Jahre alt war, im Alter von einundvierzig Jahren starb, hat sich mit der ganzen verzehrenden Kraft ihres Herzens in eine Liebesbeziehung zu dem besten Freund ihres Mannes gestürzt, einen Opernregisseur, den sie kennenlernte, als sie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit ihrem Ehemann nach Königsberg zog, wo dieser als Dirigent, der Freund als Intendant tätig war.

          Die Kindheit im Schuhkarton

          Die Namen und Lebensdaten seiner Protagonisten hat Schneider nur wenig verändert, man kann ihre Identität mühelos im Internet recherchieren. Aber darauf kommt es nicht an. „Die Lieben meiner Mutter“, wie das Buch mit leichtem Stich ins Marktschreierische heißt, ist kein Schlüsselroman. Es ist nicht einmal ein Roman. Am ehesten könnte man von einer Doppelbiographie sprechen: Der Sohn entdeckt, gut sechzig Jahre später, die Tragödie seiner Mutter. Und darin eingeschlossen die Geschichte seiner Kindheit. Der gut siebzigjährige Peter Schneider trifft auf den Knaben, der er einst war, und der Spiegel, in dem beide einander betrachten, sind die Briefe seiner Mutter.

          Den Schuhkarton, in dem diese Briefe lagen, hat Schneider, wie er schreibt, jahrzehntelang bei all seinen Umzügen mitgeschleppt. Aber mehr als ein paar Halbsätze konnte er auf den mit steiler Sütterlinschrift bedeckten Papieren nie entziffern. Sein Interesse an der Mutter, die ihm auf alten Fotos als „junge ernste Frau“ ohne besondere Leuchtkraft erschien, war wohl auch nicht groß genug. Erst vor ein paar Jahren gab er die Briefe einer Bekannten, die sich an die Übersetzung machte.

          Der „Riss in der Tiefe“

          Durch die Lektüre wird das Bild, das Schneider aus der Kindheit von seiner Mutter hat, nicht etwa vervollständigt. Im Gegenteil: Die Mutter wird für ihn wieder zu einer Unbekannten, einem Menschen, dessen unerbittliche Hingabe an ihre Liebe ihn noch aus der Distanz von siebzig Jahren erschüttert und befremdet. Peter Schneider, wir erinnern uns, ist mit seinen Erzählungen („Lenz“), Romanen („Paarungen“) und Memoiren („Rebellion und Wahn“) so etwas wie der inoffizielle Stadtschreiber von Achtundsechzig, der Chronist der Studentenrevolte und ihres Scheiterns. Könnte es sein, fragt dieses Buch jetzt hinter vorgehaltener Hand, dass die wahre sexuelle Revolution immer schon stattgefunden hat, zwischen zwei Liebenden, denen ihre Mitwelt, Zeit, Moral und Politik gleichgültig waren? Oder sogar nur in einem einzigen?

          Die Antwort geben die Briefe der Mutter. Es sind Bekenntnisse in jenem hohen Ton, der damals als Beweis von Leidenschaft galt, Monologe, in denen viel von „Schicksal“ und „Erlösung“ die Rede ist, in denen „Kreuzwege“ kommen und „Tore des Glücks“ zugeschlagen werden. Aber es gibt auch ganz stille, schlichte Passagen wie jene, in der die Schreiberin sich eingesteht, sie liebe einen „Mann mit tausend Eigenschaften und keiner, die man festhalten kann“. Und es gibt Klagen, Vorwürfe an den Geliebten, die den Leser Schneider in einen vielsagenden Zwiespalt stürzen. Als Sohn, schreibt er, fühle er mit der Mutter, als Mann könne er den Leichtsinn des anderen Mannes verstehen - „widerwillig“. Es ist der Widerwille eines Autors, der in den Sätzen der Mutter sich selbst begegnet. Denn auch in seinen eigenen Liebesbeziehungen, erkennt er, klaffte jener „Riss in der Tiefe“, den die Mutter durch ihre Hingabe verdecken wollte.

          Das Glück ein Versprechen

          Ein Riss, der auch durch die Welt geht. Während die Mutter ihr verdämmerndes Liebesglück durch Worte festzuhalten versucht, marschiert das „Dritte Reich“ in die Katastrophe. Mit vier kleinen Kindern rettet sich die Mutter aus Sachsen, wo sie bei ihrer Schwiegermutter untergeschlüpft ist, ins bayerische Grainau, ein Dorf bei Garmisch. Und hier setzen Schneiders Kindheitserinnerungen ein. In ihrem Zentrum steht der Nachbarjunge Willi, der den Knaben Peter mit seinem Versprechen, ihn mit Hilfe des Erzengels Michael das Fliegen zu lehren, geradezu verhext. Als die Mutter dem Sohn den Umgang mit Willi verbieten will, wendet er sich von ihr ab.

          Jahrzehnte später, getrieben von Neugierde ebenso wie von Schuldgefühlen, kehrt er nach Grainau zurück. Aber das Sommerhaus des Großvaters, in dem die Familie damals wohnte, ist jetzt ein Bordell, und von Willi heißt es, er sei nach Südafrika ausgewandert. Der Ort hat die Spuren der Nachkriegszeit getilgt. Nur in den Sätzen der Mutter und in seinem eigenen Schreiben ist Schneiders Kindheit aufbewahrt. „Meine sehr große Liebe“, so hat sie ihn damals in einem Brief genannt. Jetzt, sechzig Jahre nach ihrem Tod, kann er ihn lesen. Zu spät.

          Im Frühjahr 1950 fährt die Mutter zu ihrem Ehemann nach Hannover, wo er inzwischen arbeitet. „Der Vater brachte sie sofort in eine Klinik. Sie starb wenige Wochen später - an Leberzirrhose, hieß es, an einer Immunschwäche, sagten andere. Ich glaube eher, dass sie an Erschöpfung gestorben ist - an Erschöpfung und einem gebrochenen Herzen.“ Den Zornesbrief, mit dem sie einen Schlussstrich unter ihre gescheiterte Liebe ziehen wollte, hat sie vermutlich nie abgeschickt; das Papier, das auf dem Tisch ihres Sohnes liegt, ist, wie er nach einigem Vor- und Zurückblättern erkennen muss, ein unvollendeter Entwurf. So bleibt das Glück ein Versprechen und der Tod nicht das letzte Wort in diesem großen, traurigen, hinreißenden Buch.

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