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Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter : Die Tragödie einer Glückssucherin

Der „Riss in der Tiefe“

Durch die Lektüre wird das Bild, das Schneider aus der Kindheit von seiner Mutter hat, nicht etwa vervollständigt. Im Gegenteil: Die Mutter wird für ihn wieder zu einer Unbekannten, einem Menschen, dessen unerbittliche Hingabe an ihre Liebe ihn noch aus der Distanz von siebzig Jahren erschüttert und befremdet. Peter Schneider, wir erinnern uns, ist mit seinen Erzählungen („Lenz“), Romanen („Paarungen“) und Memoiren („Rebellion und Wahn“) so etwas wie der inoffizielle Stadtschreiber von Achtundsechzig, der Chronist der Studentenrevolte und ihres Scheiterns. Könnte es sein, fragt dieses Buch jetzt hinter vorgehaltener Hand, dass die wahre sexuelle Revolution immer schon stattgefunden hat, zwischen zwei Liebenden, denen ihre Mitwelt, Zeit, Moral und Politik gleichgültig waren? Oder sogar nur in einem einzigen?

Die Antwort geben die Briefe der Mutter. Es sind Bekenntnisse in jenem hohen Ton, der damals als Beweis von Leidenschaft galt, Monologe, in denen viel von „Schicksal“ und „Erlösung“ die Rede ist, in denen „Kreuzwege“ kommen und „Tore des Glücks“ zugeschlagen werden. Aber es gibt auch ganz stille, schlichte Passagen wie jene, in der die Schreiberin sich eingesteht, sie liebe einen „Mann mit tausend Eigenschaften und keiner, die man festhalten kann“. Und es gibt Klagen, Vorwürfe an den Geliebten, die den Leser Schneider in einen vielsagenden Zwiespalt stürzen. Als Sohn, schreibt er, fühle er mit der Mutter, als Mann könne er den Leichtsinn des anderen Mannes verstehen - „widerwillig“. Es ist der Widerwille eines Autors, der in den Sätzen der Mutter sich selbst begegnet. Denn auch in seinen eigenen Liebesbeziehungen, erkennt er, klaffte jener „Riss in der Tiefe“, den die Mutter durch ihre Hingabe verdecken wollte.

Das Glück ein Versprechen

Ein Riss, der auch durch die Welt geht. Während die Mutter ihr verdämmerndes Liebesglück durch Worte festzuhalten versucht, marschiert das „Dritte Reich“ in die Katastrophe. Mit vier kleinen Kindern rettet sich die Mutter aus Sachsen, wo sie bei ihrer Schwiegermutter untergeschlüpft ist, ins bayerische Grainau, ein Dorf bei Garmisch. Und hier setzen Schneiders Kindheitserinnerungen ein. In ihrem Zentrum steht der Nachbarjunge Willi, der den Knaben Peter mit seinem Versprechen, ihn mit Hilfe des Erzengels Michael das Fliegen zu lehren, geradezu verhext. Als die Mutter dem Sohn den Umgang mit Willi verbieten will, wendet er sich von ihr ab.

Jahrzehnte später, getrieben von Neugierde ebenso wie von Schuldgefühlen, kehrt er nach Grainau zurück. Aber das Sommerhaus des Großvaters, in dem die Familie damals wohnte, ist jetzt ein Bordell, und von Willi heißt es, er sei nach Südafrika ausgewandert. Der Ort hat die Spuren der Nachkriegszeit getilgt. Nur in den Sätzen der Mutter und in seinem eigenen Schreiben ist Schneiders Kindheit aufbewahrt. „Meine sehr große Liebe“, so hat sie ihn damals in einem Brief genannt. Jetzt, sechzig Jahre nach ihrem Tod, kann er ihn lesen. Zu spät.

Im Frühjahr 1950 fährt die Mutter zu ihrem Ehemann nach Hannover, wo er inzwischen arbeitet. „Der Vater brachte sie sofort in eine Klinik. Sie starb wenige Wochen später - an Leberzirrhose, hieß es, an einer Immunschwäche, sagten andere. Ich glaube eher, dass sie an Erschöpfung gestorben ist - an Erschöpfung und einem gebrochenen Herzen.“ Den Zornesbrief, mit dem sie einen Schlussstrich unter ihre gescheiterte Liebe ziehen wollte, hat sie vermutlich nie abgeschickt; das Papier, das auf dem Tisch ihres Sohnes liegt, ist, wie er nach einigem Vor- und Zurückblättern erkennen muss, ein unvollendeter Entwurf. So bleibt das Glück ein Versprechen und der Tod nicht das letzte Wort in diesem großen, traurigen, hinreißenden Buch.

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