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Peter Kurzecks schönster Roman : Heimweh nach mir und nach uns und nach der Zeit

Peter Kurzeck, am 22. März 2011 in der Nähe der südfranzösischen Stadt Uzès Bild: Helmut Fricke

Sommerregen in der französischen Provinz: Sechs Jahre nach Peter Kurzecks Tod erscheint aus dem Nachlass sein bislang schönster Roman.

          5 Min.

          Ein Mann wacht auf, plötzlich und unabweislich, „als ob dich jemand gerufen hätte“. Er sortiert sich, macht sich klar, wo er sich gerade befindet, und erinnert sich an eine andere Nacht im Hotel: „Ich ging ans Fenster. Nachtschatten, Bäume, ein Schuppen. Klopft dein Herz? Sind es Schritte? Das Gras winkt, die Bäume winken. Mir war, das bin ich, der da unterm Fenster im Schatten steht und mir winkt: ich soll kommen.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Was ist das: ein Traum, eine Vision, eine Ahnung vom Sterben? Oder das Versprechen, aus einer Art Entfremdung von sich selbst wieder ganz eins mit sich zu werden?

          In Peter Kurzecks nachgelassenem Romanmanuskript „Der vorige Sommer und der Sommer davor“, das im vergangenen Jahr eigentlich in Kurzecks Hausverlag Stroemfeld publiziert werden sollte und nun, nach dessen Insolvenz, bei Schöffling erscheint, ist die Frage des Erzählers nach seiner Identität auf beinahe jeder Seite präsent: als Irritation, als Sorge, als Spiel und manchmal auch alles zugleich, eingebettet in die Erzählung eines vor Hitze bebenden Sommers, der das Gefühl von Unwirklichkeit noch verstärkt.

          Peter Kurzeck: „Der vorige Sommer und der Sommer davor“. Roman.
Aus dem Nachlass hrsg. von Rudi Deuble und Alexander Losse. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt 2019. 656 S., geb., 32,– .

          Der Roman ist Teil eines Zyklus, den Kurzeck „Das alte Jahrhundert“ getauft hat. Ursprünglich – so ein Exposé Kurzecks, das er für Anträge zur Förderung des Projekts verwendete, vom Februar 1997 – sollten es vier Bände werden, am Ende waren laut einem 2010 letztmals aktualisierten Plan dann zwölf Bände vorgesehen, von denen fünf zu Lebzeiten des 2013 gestorbenen Autors erschienen sind. Sie schildern die Monate um die Jahreswende 1983/84. Der Erzähler, ein Schriftsteller namens Peter, wird von seiner Lebensgefährtin Sibylle verlassen. Er muss aus der gemeinsamen Wohnung in der Frankfurter Jordanstraße ausziehen, lebt unter prekären Bedingungen in einem schäbigen Zimmer und kommt schließlich bei Bekannten unter. Als der Winter überstanden ist, so zumindest sieht es der Gesamtplan zum „Alten Jahrhundert“ vor, entschließt sich Peter im Sommer 1984, als freier Schriftsteller zu leben.

          Das Beben vor dem Schock der Trennung

          Das klingt geradliniger, als es in den vorliegenden Bänden erzählt wird. Nicht nur, weil diese Winter- und Frühlingsmonate Anlass zu weitreichenden Abschweifungen geben, in denen etwa alles, was Peter mit dem langjährigen Freund Jürgen erlebte, eine große Rolle spielt, ebenso die früheren Jahre mit Sibylle, die Geburt der Tochter Carina, die kurz vor der Trennung ihrer Eltern ihren vierten Geburtstag im September 1983 feiert und der, so scheint es, die hingebungsvolle Liebe des Erzählers gilt: „Carina und ich. Einunddasselbe einzige lange Gespräch, schon seit sie auf der Welt ist“, heißt es einmal. Das Mädchen „muss manchmal vermitteln zwischen mir und der Welt“, sagt Peter, und das – kaum zufällig in Kurzecks Erzählkosmos – im Medium des Erzählens: Er habe, sagt Peter, dem Mädchen „oft solang alles vorgesagt und erzählt und erklärt, bis ich es selbst dann endlich verstehe“. Gewidmet ist jeder Band von Kurzecks Romanzyklus seiner Tochter Carina.

          Aber es sind nicht nur die Abschweifungen und die Reminiszenzen, die bis in die früheste Kindheit des – wie sein Autor – 1943 geborenen Erzählers reichen. Was die Bücher berichten, ist nicht linear, sondern kreisförmig. So sollte der letzte Band des Zyklus noch einmal vor die Trennung zurückgehen und alles in den vorigen Bänden Berichtete noch einmal durchlaufen, bis er schließlich nach den Ereignissen angekommen wäre – ein Zirkel, ein Band, das sich um das komplette Romanwerk legt.

          Als die Welt noch unendlich schien

          Mit „Der vorige Sommer und der Sommer davor“, den Kurzecks langjährige Lektoren Rudi Deuble und Alexander Losse aus dem Nachlass herausgegeben haben, verhält es sich ähnlich. Er setzt ein im Frühjahr 1984 und schildert etwa den Besuch Peters in der Wohnung in der Jordanstraße – „Unsre alte Küche (aber nicht mehr die gleiche Welt)“, sagt er. Es folgt ein Treffen mit seinem Freund Jürgen, dann eine Erinnerung an den Herbst des Vorjahrs und Jürgens Anrufe aus der französischen Kleinstadt Barjac, wo er zusammen mit seiner Freundin Pascale ein kleines Restaurant betrieb, solange, bis Pascale auf einmal verschwand. Noch ein Schritt zurück in den titelgebenden „vorigen Sommer“, als die damals noch nicht getrennte Kleinfamilie Peter, Sibylle und Carina die damals ebenfalls noch nicht getrennten Jürgen und Pascale in Barjac besuchten. Und, ein weiterer Schritt und beileibe noch nicht der letzte, „der Sommer davor“: eine Reise in dieselbe Region, nach Barjac und in die Camargue.

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