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Peter Kurzeck: „Vorabend“ : Überzeitliches Schattentheater

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Was Peter Kurzeck im Roman archiviert, ist so in keinem Geschichtsbuch zu lesen. In „Vorabend“ schwankt der Autor ganz wunderbar zwischen Wirklichkeit und Traum, Gewissheit und Zweifeln.

          Nicht von hier, fremd, von weither, aber jetzt bist du hier und hier kennt dich jeder. Ein Dichter, aber außer dir weiß das noch keiner.“ Von Kindheit an war es Peter Kurzecks Wunsch, Dichter zu werden. Doch es brauchte Zeit, vermeintliche Umwege und die Beharrlichkeit, die sein Schreiben kennzeichnet. Mit Mutter und Schwester aus Böhmen vertrieben, wurde das oberhessische Dorf Staufenberg dem Kind zum neuen Wohnort. Obwohl bald dort zu Hause, blieb ein Moment von Fremdheit. Heimat wird Kurzeck auch auf dem schwankenden Grund der Sprache suchen, im aufmerksamen Zuhören und Lesen, und im Erzählen, das unermüdlich vorangetrieben wird: „Schreib weiter, schreib schneller, schreib alles!“ feuert sich der Erzähler, Kurzecks literarisches Alter Ego, immer wieder selbst an.

          Wie schon „Kein Frühling“ (1987) führt „Vorabend“ mitten hinein in das Leben des Erzählers im Staufenberg der Nachkriegszeit, und man kann dieses gut tausendseitige Buch allein für die Fülle seiner präzisen Miniaturen bewundern. Vom Beginn der fünfziger Jahre bis in die späten Siebziger hinein verändert sich das Gesicht Staufenbergs. Folgen davon sind bis heute auch in fast jedem anderen westdeutschen Dorf sichtbar: die Feldwege geteert, alte Bäume gefällt, der Teich zugeschüttet, die Flur bereinigt. Der Roman erzählt, wie die Dorfbewohner, bewaffnet mit Baumarkt-Material, ihre Häuser „verschönern“, ihre neuen Kühlschränke füllen, wie sie die Wohnzimmertüren dem Siegeszug des Fernsehens öffnen. Autobahnen, Umgehungsstraßen, Supermärkte werden gebaut, bunte Werbeprospekte verstopfen die Briefkästen.

          „Damals fing es an, dass die Leute in Deutschland von allem zuviel und dabei nie genug.“ In Form von Lottoscheinen, Sonderangeboten und Urlaubsreisen leuchtet mit Aufkommen des Wirtschaftswunders grell aus der Ferne das Glücksversprechen des Konsums, das Träume auf ein anderes Leben, eine bessere Zukunft schürt und dabei oft unzufrieden, depressiv oder aggressiv macht.

          Fremdheit und Befremdung

          Aus dem stolzen Satz des Drogisten Eidmann, bei ihm lagere genug Rattengift fürs ganze Dorf, „natürlich nur theoretisch“, hört man mit dem Erzähler die Wut heraus: „Keiner ganz der Mensch, der er sein möchte.“ Apokalyptische Parabeln über den Niedergang der Igel, Maulwürfe und Frösche schildern, wie der Raubbau an der Natur Opfer fordert. Immer weiter spannt der Roman das Panorama dieses Wandels. Der scharfe wie zärtliche Blick des Erzählers archiviert, was so in keinem Geschichtsbuch nachzulesen ist.

          Das liegt nicht zuletzt an der auf Fremdheit und Befremdung gründenden, klaren, bildkräftigen und beweglichen Sprache. Orientiert am Mündlichen, wenn die Rede ist von Bürokraten unterm „Blaupausenhimmel“ oder den Dorfbewohnern in ihrer verdrucksten Umständlichkeit, wahrt sie zugleich ihren Kunstcharakter: „Wollen den Dialekt weglassen“, kommentiert der Erzähler ein Gespräch in oberhessischer Mundart, „hätten ja sonst gleich Dialektdichter.“ Und sie ist noch bezeichnend, wo ihr die Worte fehlen, wie der Sprache des sonderlich-liebenswürdigen Schwagers, einer zentralen Figur in „Vorabend“. Hauptberuflich Schichtarbeiter bei Buderus, macht der Tüftler und Erfinder in seiner Freizeit technische Geräte wieder „in die Reih“. So gutmütig wie geschickt, wird er ausgenutzt vom Vorgesetzten, vom fremden Antiquitätenhändler, dessen Profitdenken nicht in seine traditionelle Tauschlogik passt, und von den Nachbarn: „Wenn sie etwas haben, was in die Reih gemacht werden muss, denken sie, es ist vielleicht nur eine Kleinigkeit.“

          Wie der Schwager, dem der Sprung in die „neue und immer noch eine neuere neue Zeit“ nicht ganz gelingt, beantwortet auch das Verhalten der anderen Figuren indirekt eine große Frage des Romans: „Was kommt nach der Nachkriegszeit?“ In allen steckt die jahrhundertealte Armut der oberhessischen Kleinbauern, das Joch der Zuerwerbslohnarbeit, das Trauma des Faschismus und des Krieges. Unfähig zu trauern, sich selbst fremd oder ganz verlorengegangen, werden die Dorfbewohner mal von der neuen Zeit überrumpelt, mal hinken sie ihr und den neuen Wörtern hinterher: „Sitti Senta sagen die Leute, oder auch Zitti Zenta.“

          In jeder Geschichte eine weitere

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