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Peter Handke : Liebling, ich habe die Quitten geklaut

  • -Aktualisiert am

So prächtige Früchte wie in Vincent Van Goghs „Quittenstillleben“ (1888/89) hätte Peter Handkes Erzähler auch gern im Garten. Was tun? Bild: -/ARTOTHEK

Alice in den Vorstädten: Peter Handkes spätes Epos „Die Obstdiebin“ blickt durch jüngere Augen auf seine Lebensthemen und rettet die Menschen durch Tanz.

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          Wenn irgendwann eine digitale Volltextausgabe von Peter Handkes Gesamtwerk vorliegt, wird eine Suche nach bestimmten Stichworten wohl wahre Trefferexplosionen zeitigen. Wie oft etwa mag ein Wort wie „Landstraße“ auftauchen? Und wie oft in seinem Umfeld auch noch die Erwähnung, wie es auf Französisch, Spanisch und Arabisch heißt? Wie oft das Wort „Bucht“ in verschiedenen Zusammensetzungen, also nicht nur „Niemandsbucht“, sondern auch „Buchtbahnhof“, „Buchtkirche“, „Buchtgegend“, „Buchtwälder“?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch in Handkes neuem Buch tauchen Wörter und Wortfelder wie diese – und längst nicht nur diese – zum wiederholten Male auf. Und wiederum könnte man auf die Idee kommen, dass das jeweils neue Werk Motive, Meinungen und Ideen aller vorherigen wieder aufnimmt, weiterspinnt, manchmal wie im Traum und in einer Art Freudscher Verdichtung und Verschiebung. Man kann sich über diese Wiederholungen wundern, vielleicht sogar ärgern – wenn man allerdings ernst nimmt, was Handke zeitlebens, explizit und implizit, gegen „Begriffe“ gesagt hat, könnten sie einen auch zu einer ganz anderen Überlegung führen: ob man nämlich angesichts seines Schreibens überhaupt noch am Begriff des Einzelwerks festhalten sollte.

          Vielleicht gehören ja alle seine Texte zusammen, als fortgeschriebenes Epos? Vielleicht sind die vermeintlichen Redundanzen eben seine „Phantasien der Wiederholung“ (so ein Buchtitel von 1983)? Und vielleicht wäre es gar möglich, denkt man manchmal, bei der Handke-Lektüre mitunter zu mischen und zu springen – also etwa, statt in seinem neuen Buch „Die Obstdiebin“ die Seite umzublättern, einfach eine aus dem „Jahr in der Niemandsbucht“ (1994) aufzuschlagen, aus „Don Juan, erzählt von ihm selbst“ (2004) oder aus „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ (2015), um dort weiterzulesen?

          Peter Handke: „Die Obstdiebin“. Oder: Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 562 S., geb., 34,- €.

          Zumindest im ersten Teil des neuen Buches, das im Untertitel eine „einfache Fahrt ins Landesinnere“ verspricht, erschiene das tatsächlich möglich – denn wieder beginnt es in der Pariser Vorortgegend, in der Handke seit vielen Jahren lebt: im Garten, an der Schnellstraße, im umliegenden Wald, im benachbarten Versailles und vor allem an den Bahnhöfen dieser Gegend.

          Raus aus der Alterselegie, auf in die Picardie

          Eine Vorgeschichte braucht Handke ja oft zum Warmlaufen; in der „Niemandsbucht“ fragte sich der Erzähler gar, ob er womöglich über Vorgeschichten nie hinauskomme. Auf Seite 31 hier nun ist er jedenfalls noch am Gartentor – daran kann man ungefähr ablesen, in welchem Tempo das vorangeht. Aber es gibt ja auch keinerlei Eile. Beim Betrachten seiner Obstbäume, die er sämtlich selbst gepflanzt habe, fällt dem Erzähler die doch sehr magere Ernte auf: vier Nüsse, sechs Birnen, und der Quittenbaum ist vollkommen leer. Diese Bilanz scheint, lotet man auch ihren Symbolgehalt aus, vorderhand noch düsterer als Hölderlins „Hälfte des Lebens“. Auch andere Stellen deuten darauf hin, dass der Erzähler alt geworden ist. Er spricht dann einmal gar von einem „letzten Epos“ – das darf man hoffentlich so ernst nehmen wie die jeweilige Ankündigung einer Abschiedstournee bei den großen Rockbands.

          Sicher, es schmerzt. „Ah, Verjüngung. Ah, junge Welt“, ruft er einmal aus. Damit aus dem Buch aber keine Alterselegie wird, benutzt er einen alten Handke-Trick: Er denkt sich, unter den Augen des Lesers, eine Figur aus, durch deren Augen er die Welt sehen möchte – und wenig später raschelt es auch schon in den Zweigen, und es kommt die Obstdiebin daher. „Blutjung“ ist sie. Und ihren Namen darf man vielleicht so verstehen, dass sie, die sonst meist an Straßenbäumen oder in entlegenen Gebüschen pflückt, jetzt dem bisherigen Erzähler die Quitten gestohlen, ihm also die Butter vom Brot genommen hat. Sie nun lässt er aufbrechen auf eine „Ein-Frau-Expedition“ durch die Pariser Vorstädte, dann in die Ausläufer der Île-de-France, dann Richtung Picardie.

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