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Peter Handke: Immer noch Sturm : Enkel Lear auf der Wunschtraumheide

Peter Handke: Immer noch Sturm Bild: Suhrkamp

Du kannst nicht alles bestimmen, Herr Sohn: Mit „Immer noch Sturm“ unternimmt Peter Handke eine Expedition in die eigene Familiengeschichte.

          4 Min.

          Auch Lear war einmal Enkel. Aber darüber wissen wir nichts. Hatte Lear Eltern? Natürlich, aber sie haben Shakespeare nicht interessiert. Mit dem Lear hat Shakespeare die Figur geschaffen, die das Ende aller Kontinuitäten verkörpert. Was folgt aus diesem Ende? Äußerste Einsamkeit. Alle Bindungen brechen, alle Bande reißen.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Shakespeare ist der greise König der letzte Patriarch seiner Sippe. Nach ihm kommen nur Töchter, die den Alten, nachdem er sein Erbe zu Lebzeiten verteilt hat, gnadenlos abservieren. Verzweifelt und wahnsinnig vor Kummer und Wut irrt er im dritten Akt über die wetterumtoste Heide. „Still storm“, immer noch Sturm, lautet Shakespeares Bühnenanweisung für die Szene, in der Lear Blitz und Donner anfleht, sie mögen seine Kinder und mit ihnen die ganze Welt vernichten: „Schlag flach den runden Erdenball!“

          Peter Handke greift Shakespeares Bühnenanweisung auf und stellt sie seinem neuem Buch als Titel voran. „Immer noch Sturm“ ist ein Theaterstück in Prosa, ein Roman in Dialogen und Regieanweisungen, kommentiert von einem Ich-Erzähler, der als Hauptfigur agiert und Shakespeares Stück auf den Kopf stellt. Ein poetisches Spiel und ein mal leichthändiges, mal schwerblütiges Alterswerk, in dem sich der Dichter als altes Kind seiner jung gebliebenen toten Vorfahren imaginiert: King Lear, der letzte seiner Sippe, als ewiger Sohn und Enkel. In diesem Traumspiel sind alle Bande unversehrt. Bei Shakespeare ist die Heide der Ort der größten Einsamkeit, verlassener als hier kann man nicht sein. Auf Handkes Heide wachsen Apfelbäumchen, und eine Bank steht bereit für das Familientreffen, das hier stattfinden soll. Lears Heide ist der Albtraumort, Handkes Heide ist der Wunschtraumort.

          Familiengeschichte als Traumspiel

          Wo der greise König sein Erbe - die Macht und ein ganzes Königreich - verteilt hat, sucht sich hier ein Nachgeborener seine Erbschaft zusammen. Sie besteht aus dem Reich der Erinnerungen und der Macht zu träumen. Wo Lear seine Nachkommen verstoßen hat, versammelt hier der jüngste Spross der Familie seine Vorfahren um sich: die Großeltern, die Mutter, deren Schwester Ursula und ihre drei Brüder, Gregor, Valentin und Benjamin. Handke erzählt sich selbst seine Familiengeschichte als Traumspiel: wie es war und nie gewesen ist.

          In diesem Spiel ist der Jüngste zugleich auch der Älteste. „Wer sind Sie“, fragt der Erzähler die junge Frau, die mit offenem Haar und auf hohen Schuhen eben noch an einem Apfelbäumchen lehnte. „Und die Unbekannte antwortet: ,Einmal darfst du raten, Alterchen.' Und ich: ,Frau Mutter.' Darauf die Mutter: ,Woran hast du mich erkannt?' Und ich: ,An Eurer Stimme, Frau Mutter, ohne Akzent und ohne Dialekt.'“

          Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass Peter Handke sich seiner Familiengeschichte bedient, sie literarisch verarbeitet oder sich ihrer poetisch zu vergewissern versucht. „Wunschloses Unglück“ von 1972, „Über die Dörfer“, neun Jahre später erschienen, oder zuletzt, 2008, „Die morawische Nacht“: Immer wieder hat Handke in seinen Büchern die Mutter, den früh verstorbenen Patenonkel Gregor oder den Vater, den er nicht hatte, zum Thema gemacht. „Deinen Vater los: der Freieste der Freien? Nicht doch, mein Lieber: keines-Vaters-Kind wird nie ein Erwachsener“, hieß in der „Morawischen Nacht“, als der Erzähler das Grab des ihm unbekannten Vaters besucht.

          Biografische Bezüge gut möglich

          Genaueres über das Verhältnis zum Vater, der die Familie verlassen hatte und dem Handke als Achtzehnjähriger zum ersten Mal begegnete, ist in Malte Herwigs neuer Biographie nachzulesen, die auf dieser Seite besprochen wird. Dass Handke den Stiefvater nicht akzeptierte und sich als vaterlos aufgewachsen empfand, wird nun im jüngsten Buch als Vorwurf der Mutter und ihrer Familie in den Mund gelegt: „Mein Sohn, der nie zu uns hier, zur Familie, zur Sippe gehören wird, Vaterloser du, der du Ersatz, Halt und Licht suchst bei Deinen Vorfahren.“ Aber der hohe Ton wird sogleich gebrochen, wenn die Mutter fortfährt: „Und jetzt zu deiner Frage, die mal wieder keine war: Doch, das hier ist unsere Gegend.“

          Die Gegend, das ist das Kärtner Jaunfeld, im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien. Die Zeit ist die des Zweiten Weltkrieges, die Atmosphäre die des friedlichen Landlebens in weltvergessenem Winkel. Die karge Ebene erscheint als Landschaft des Übergangs: zwischen den Sprachen, den Ethnien, den Zeiten, zwischen Traum und Wirklichkeit. Dass hier im Grenzgebiet die Sprache der slowenischen Minderheit verboten war, kommt in der Abneigung gegen alles Deutsche zum Ausdruck, zumal gegen das „Reichsdeutsche“. Die Verteidigung des Eigenen gegen das Fremde, des vermeintlich Schwachen gegen das vermeintlich Starke, nimmt, wie so oft bei Handke, zuweilen befremdliche Züge an: „Wer ,Schrank' sagt statt ,Kasten', ,Jacke' statt ,Rock', und ,Káffe' statt ,Kaffee', der hat schon die Heimat verloren. Der hat schon die Heimat verraten“, erklärt der Großvater. Wer hingegen Wörter wie Preiselbeeren oder Frühäpfel in den Mund nähme, der werde „nie ein Henker sein“.

          Dann schließt sich eine Art familiärer Apfelgottesdienst an: Gregor, der Lieblingsonkel, hält eine Messe in slowenischer Sprache. Er liest aus dem „heiligen Buch der Familie“, seinem „weithin berühmten Werkbuch zum Obstbau“, einem apfelkundlichen Werk über den Welschbrunner und andere Apfelsorten.

          Im frotzelnden Familiensound

          Dieser Taufpate wandert schon lange und in mancherlei Gestalt durch Handkes Werk, als Gregor Keuschnig oder als Gregor Kobal. Jetzt ist Gregor, der 1943 als Wehrmachtssoldat in Russland starb, einerseits der Verfasser des Apfelbuchs, dieser Bibel der Friedfertigen, aber andererseits kehrt er als Partisan ins österreichisch-slowenische Grenzgebiet zurück, wo damals tatsächlich Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime aktiv waren. Die Verletzungen werden erinnert, der Widerstand wird erträumt.

          Pathos und sakraler Ton, Heldentum und kleinlicher familiärer Zwist, Neckereien und Familienträgödien, Verklärung und Entzauberung: Handke baut Positionen auf, nicht um sie zu behaupten, sondern um sie in Frage zu stellen, zu unterlaufen und zu brechen. Alles geschieht in der Sprache, deren Tonfall unablässig wechselt. Unter das Deutsche werden Dialektbrocken und Ausdrücke oder ganze Sätze auf Slowenisch gemischt, dem hohen Ton folgt der frotzelnde Familiensound, dem Alltagsdialog die Verlautbarungsprosa. Handke ist böse und sanftmütig, aufbrausend und kleinmütig. Er fleht die Familie an, „Ohne euch kein Spiel. Wer spielt mit mir? Kommt wieder.“, und er bittet um Feinde. Zahllos sind die Bezeichnungen und Beleidigungen, die sich die Familienmitglieder an den Kopf werfen, von Erztrottel über Finsterbraue bis zu Herrgottswinkelverpesterin, Krampfhilde, Übelheid und Ekeltraud.

          Gegen Ende zeigt sich Peter Handke, der scheinbar allmächtige Spielleiter dieses Traumspiels, selbst die Grenzen auf. „Du kannst nicht alles bestimmen, Herr Sohn“, lässt er die Mutter sagen, als er unerwartet und unwillig sich selbst als jungem Mann gegenübersteht. Dann beginnt ein Kampf, an dessen Ende der alte Handke vom jungen Handke, dem „knieweichen Brillenträger“ und „Pickelgesicht“, am Schopf gepackt und herumgewirbelt wird. Was das soll? Getreu nach Nestroy, in dessen Fußstapfen man den Dichter bislang nicht vermuten durfte, wollte Peter Handke doch einmal sehen, wer stärker ist, „ich oder ich“.

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